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Irritation als Programm

So war »Schulz & Böhmermann«

Am Sonntag wurde das einst mit Charlotte Roche populär gewordene Talk-Format der Bildundtonfabrik unter neuer Flagge zum Leben erweckt. Wie ist der Sendung die Neubesetzung bekommen?
Geschrieben am
Machen wir uns nichts vor: Schulz ist ein Selbstläufer – Böhmermann sowieso. Die Idee, ein bewährtes TV-Format mit dem ohnehin schon Radio erprobten Gespann im behüteten Experimentierkasten des ZDFneo zu besetzen ist dementsprechend weitaus weniger aufregend, als gemeinhin gerne getan wird – dafür aber mindestens genauso unterhaltsam. Doch zunächst der Wermutstropfen: Mit der in diesem Zusammenhang gerne postulierten Anarchie hat das nur noch wenig zu tun. Die findet man – zumindest im Kontext der eher konservativen Radio-Landschaft – allenfalls noch bei »Sanft & Sorgfältig«, wenn Böhmermann, essend, mal wieder den diensthabenden Tontechniker angeht, während ihm Schulz mit irgendeinem haltlosen Unsinn in das Wort fällt.
»Sanft und Sorgfältig« war es dann auch, das bei vielen die Frage aufwarf, wie in dieser Konstellation überhaupt noch Gäste zu Wort kommen sollten. Denn während sich die Interaktion bei vergleichbaren Gesichtern wie Joko und Klaas über weite Strecken in choreografierter Häme erschöpft, hat man bei Schulz und Böhmerann stets das Gefühl, dass sich hier zwei feixende Klassenkameraden nach sechs langen Wochen Sommerferien zum ersten Mal wieder auf dem Schulhof treffen. Kurz: Hin und wieder blitzt bei aller Professionalität tatsächlich so was wie aufrichtiges Interesse durch. Dass damit auch den Gästen der ersten Sendung begegnet wurde, ist der größte Gewinn des gestrigen Debüts gewesen – auch, wenn damit nicht unbedingt Respekt oder Fairness einhergehen musste. Beziehungsweise: Vielleicht auch genau weil diese unausgesprochenen Konventionen des TV-Talks fast schon plakativ invertiert wurden.
Der Erkenntnis-Gewinn bleibt an diesem Abend überschaubar, das wird sehr schnell klar. Zumindest der Biografische, denn aus küchenpsychologischer Perspektive erfährt man über Kollegah, Jörg Kachelmann, Anika Decker und vor allem Gert Postels doch das ein oder andere Detail. Allerdings nicht, weil die Gesprächsführung von Schulz und Böhmermann so virtuos ist, sondern viel mehr dank der betont unprofessionellen Art und Weise, mit der das Duo seinen Gästen begegnet. Alles auf Irritation. Oder etwas reißerischer: Der formatgewordene Albtraum des Presserates. Das ist in seiner stellenweise etwas plakativ-provokativen Art nicht so subversiv, wie es gerne wäre, aber immerhin ehrlich. Der Bullshit wird im Gegensatz zu anderen Talk-Formaten nicht als Erkenntnis verkauft, sondern als das, was er eben ist: Bullshit.

So wird zum Beispiel gar kein Hehl daraus gemacht, dass man an den Beweggründen des verurteilten Hochstaplers Gert Polters überhaupt kein Interesse hat, sondern ihn viel lieber als neurotischen Freak zur Schau stellt, dem es kein Wort zu glauben gilt. Einzig Kollegah scheint sich von der kommunikativen Unordnung nicht aus der Ruhe bringen – selbst dann, als er einmal mehr die leidige Geschichte seines Jura-Studiums ausbreiten muss. Kachelmann, an diesem Abend als das wandelnde Advertorial seines eigenen Wetter-Start-Ups im Dienst, beantwortet derweil geduldig die Fragen, die er eben in jeder Talkshow besonnen pariert, während sich Anika Deckert die flachen Til Schweiger-Witze von Böhmermann anhören muss. Sicher nicht zum ersten Mal.

Dass am Ende jegliche Kritik durch die etwas zu bemüht inszenierte Nachbesprechung des Duos vorweggenommen wird, ist dann aber irgendwie so gar nicht Böhmermann und Schulz. »Da ist noch Luft nach oben«, heißt es dort im Jargon einer TV-Spielfilm. Ja, das ist es tatsächlich, aber wieso überlässt man das Fazit nicht einfach dem Zuschauer? Ist ja nicht so, als bräuchte man nach gerade mal 60 Minuten schon eine Erinnerungsstütze. Falls aber doch: Die Sendung ist an dieser Stelle auch in der Mediathek zu sehen.