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Zu viel Nähe

So ist »Wilson«

Wilson ist ein Typ, bei dem man nicht so recht weiß, ob man ihn lieber fest in den Arm nehmen oder doch eher anschreien möchte. Die Verfilmung des gleichnamigen Comics von Daniel Clowes ist ein Fest – vor allem dank Hauptdarsteller Woody Harrelson.
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Schon mit »Ghost World« schaffte es 2001 ein Comic von Daniel Clowes ins Kino. Der Zeichner und Autor hatte das Drehbuch dazu geschrieben, das für den Oscar nominiert wurde. Zurecht, denn der Film überzeugte durch schwarzen Humor, viel Liebe zum Detail, viele Referenzen zur Popkultur und seine schrägen Charaktere. Allen voran die Heldin Enid Coleslaw (Thora Birch), bei der man sich nur schwer entscheiden konnte, ob man mit ihr befreundet sein möchte, oder doch lieber einen großen Bogen um sie macht. »Wilson« ist jetzt eine weitere Verfilmung eines Comics von Daniel Clowes. Wieder hat er das Drehbuch geschrieben und wieder dreht sich die Geschichte um einen Helden, von dem man nicht weiß, ob man ihn mag oder nicht. Sieht man Schauspieler Woody Harrelson als Wilson mit seinen schlichten Hosen, den einfachen karierten Hemden, der dicken Brille und seinem schiefen Grinsen, möchte man ihn eigentlich gern knuddeln. Wirklich, er ist irgendwie süß. Und dann will man ihn sehr feste schütteln. 

In seiner eigenen Welt hat Wilson immer Recht, ist vielleicht sogar charmant. Blöd nur, dass es in der Realität gewisse ungeschriebene Regeln gibt, an die man sich nun mal hält, wenn man es mit anderen Menschen zu tun bekommt. Wilson ignoriert sie alle. Er ist mittleren Alters, wohnt mit seinem Hund in einer kleinen, voll gestopften Wohnung und hängt halt so rum. Wovon er lebt, wird nicht so recht klar, einem täglichen Job geht er jedenfalls nicht nach. Sein Vater stirbt, sein bester, na gut, sein einziger Freund, zieht weg und Wilson ist auf einmal allein. Neue Freunde findet er nicht, auch wenn er noch so sehr versucht, Nähe zu fremden Menschen aufzubauen. Diese Versuche nehmen immer absurdere Ausmaße an. Wilson setzt sich in einem leeren Café zum einzigen anderen Gast an den Tisch, der will arbeiten und wimmelt ihn ab, Wilson quatscht ihn weiter zu. Im Supermarkt trifft Wilson eine Frau, die ihm gefällt, aber irgendwie findet sie seinen Anbahnungsversuch via Auffahrunfall auf dem Parkplatz nicht so gut.  Es läuft also nicht so gut mit der Kontaktaufnahme. Wilson verzweifelt immer mehr und erinnert sich an das Glück von früher. Er sucht seine Ex-Frau Pippi (Laura Dern). Die hat eine bewegte Zeit hinter sich – ihre Schwester redet von Drogen und Prostitution – und ist eher einfach gestrickt. Wilson und Pippi nähern sich wieder an, sie eröffnet ihm, dass sie damals ein Kind von ihm bekommen und es dann zur Adoption freigegeben hat. Sie finden ihre gemeinsame Tochter Claire, einen schlecht gelaunten Teenager, verbringen ein wenig Zeit mit ihr und Wilson hat endlich die Hoffnung auf ein »normales« Leben. Dann geht, natürlich, alles schief. 

So geht es den ganzen Film hindurch und man braucht wirklich Geduld, um beim Zuschauen nicht durchzudrehen. Denn so lustig diese Situationen auch sind, sie sind gleichwohl tragisch und Wilson beginnt, einem Leid zu tun. Wood Harrelson trifft mit seinem Spiel ganz wunderbar den schmalen Grat zwischen Humor und Tragik und hatte sichtlich Freude daran, als Wilson auszurasten. Auch Laura Dern überzeugt in ihrer Rolle als Pippi, die nicht sicher ist, ob die Chance auf ein Familienleben mit Wilson und Claire jetzt der Silberstreif am Horizont ist, oder doch eher eine schlechte Idee.

Ähnlich wie bei »Ghost World« hat Clowes bei »Wilson« ein paar Details der Original-Geschichte geändert, den Grund-Tenor aber beibehalten. Pippi zum Beispiel wirkt deutlich weniger verzweifelt als noch im Comic, was ein Glück ist. Auch das Ende ist ein wenig optimistischer geraten, was man Wilson nach all dem Drama gönnt. Regisseur Craig Johnson hat das alles in hübsch absurden Bildern eingefangen. »Wilson« kommt vielleicht nicht an die Größe von »Ghost World« heran, ist aber sehenswert. Wenn man genug Geduld hat.

Daniel Clowes

Wilson

Release: 23.11.2010