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Die alte Leier

So ist »Wenn der Vorhang fällt«

»Wenn der Vorhang fällt« möchte die Entstehung von HipHop in Deutschland nachzeichnen. Leider fügt die Dokumentation der bekannten Geschichte von Torch und »Die Da!« über Eimsbusch zu Sido und Marteria keinerlei neuen Aspekte hinzu.
Geschrieben am
Elvis hat den Rock’n’Roll erfunden, die Beatles den Pop und Kraftwerk Techno. So weit, so verkürzt. In die Reihe jener gängigen, holzschnittartigen Entstehungsgeschichten kann man getrost auch jene des deutschen HipHop einordnen: Am Anfang waren Advanced Chemistry und die Fanta 4, dann ging es über Hamburg nach Berlin und in die Charts. Es ist der Weg vom Szene-Phänomen hinein in den Mainstream, vom Kassettenrecorder und Plattenteller zu Autoradios und Handy-Lautsprechern. Wer das alles noch nie gehört hat, für den ist »Wenn der Vorhang fällt« genau richtig.

Filmemacher Michael Münch wagt sich nach zahlreichen Werbeclips und Imagefilmen an seine erste Kinodokumentation. Leider begnügt sich der 28jährige mit einer Wiedergabe bekannter Geschichten und verzichtet auf eine tiefergehende Recherche. HipHop in Deutschland, das sind demnach der Süden – Hallo Stuttgart, Heidelberg, Frankfurt! – sowie Hamburg und Berlin. Der Westen und Osten des Landes hatten, folgt man diesem Narrativ, nichts zur Entwicklung beizutragen. Keine Kölner »Beatz aus der Bude«-Tapes, keine Ruhrpott AG oder Too Strong, von den Breakern in der DDR und den Dresdner Three M-Men ganz zu schweigen. Und die spannende Frage, welche Rolle die Frauen in dem ganzen Zirkus spielen, fasst der Film erst gar nicht an.
Natürlich kann man von einer auf den Mainstream zielenden 79 Minuten Dokumentation nicht erwarten, dass sie sämtliche Schleichwege geht und auch in die tiefsten Nischen abtaucht. Aber immerhin umfasst die aktualisierte Ausgabe der fachmännischen Chronik »35 Jahre HipHop in Deutschland« von Sascha Verlan und Hannes Loh 592 Seiten. Den Inhalt von Münchs Film könnte man dagegen auch im Faltblatt-Format erschöpfend abbilden.

O-Ton-Lieferanten wie Smudo oder McRene, die schon zu oft zum selben Thema befragt wurden, mischen sich mit generischen Schnittbildern von Breakdancern und urbanen Berliner Straßenszenen sowie einigen größtenteils von Youtube bekannten Archivaufnahmen. Damit ist der Film insgesamt so oberflächlich, wie es der sachlich-banale Untertitel suggeriert: »Hinter den Kulissen der deutschen Rap-Szene«, das klingt eher nach einem Bericht bei Spiegel TV, als einer erhellenden Dokumentation über eines der bestimmenden Popkultur-Phänomene unserer Tage.

— »Wenn der Vorhang fällt« (D 2016; R: Michael Münch; Kinostart: 30.03.17; Zorro Film)