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Die neue Hauptstadt

So ist »Thimbleweed Park«

Die Macher der besten Adventures aller Zeiten machen gemeinsam ein neues Adventure. Und das Unmögliche geschieht: Es ist wieder eines der besten Adventures aller Zeiten.
Geschrieben am
Reunions sind in aller Regel eine traurige Angelegenheit. Senioren auf Kickstarter sind es auch. Beides riecht ungut, nach Angstschweiß und Altersarmut. Aber hier haben sich zwei Opis zusammengefunden, die früher nicht nur gute Spiele gemacht haben, sondern die besten. Ron Gilbert und Gary Winnick haben mit »Maniac Mansion« und »Monkey Island« Meilensteine geschaffen. Die Adventures mit Bild oben und Verben zum Anklicken unten lieferten eine für lange Zeit gültige Blaupause des interaktiven Erzählens. Auch heute erscheinen noch kommerzielle Spiele, die keinen einzigen Schritt weiter sind, als die 27 und 30 Jahre alten Vorbilder.

Dass Gilbert und Winnick das bescheidene Budget für ihr Projekt per Crowdfunding recht sicher stemmen konnten, war keine Überraschung. Auch keine Überraschung wäre es gewesen, wenn die beiden nach quälenden Jahren einen ernüchternden Abklatsch ihrer alten Großtaten vorgelegt hätten. So machen das gealterte Künstler auf Kickstarter eben.
»Thimbleweed Park« wäre mit ein paar Witzen über die guten, alten Zeiten, mit einem Lederjackenverkäufer und einem Hamster in der Mikrowelle durchgewunken worden. Langsam, schmerzhaft hätten all die mitgealterten Fans eingestehen müssen, dass unsere schönsten Erinnerungen mit der Vergangenheit zusammenhängen, in der wir sie erlebt haben. In der Gegenwart funktionieren sie nicht mehr. Aber gegen jede Wahrscheinlichkeit liefert dieses Spiel das Gegenteil – den Beweis, dass man an der 30 Jahre alten Spielidee technisch nur wenig ändern muss. 

Ein gutes Adventure ist vor allem gutes Handwerk. Dieses Spiel ist witziger, bissiger, abwegiger und origineller als eine ganze Generation von Nachahmern. Es ist einfach besser geschrieben. Die Pointen zünden. Die Rätsel leuchten ein. Jeder Schauplatz in dem titelgebenden Kaff ist ein Sehnsuchtsort der Popkultur der Achtziger und Neunziger Jahre. Aber die schaurigen Fabrikruinen, knarrenden Herrenhäuser und verlassenen Zirkuszelte werden mit neuen Augen gesehen. Die Geschichte ist moderner. Die Senioren jonglieren mit fünf Protagonisten, mit absurden Wendungen und Tonwechseln in der Erzählung. Das hat nichts mit uralten Spielen zu tun – eher mit einer neuen Erzähltradition, wie sie Netflix und HBO geprägt haben. Von dieser Vorlage kann eine neue Generation der Spielemacher abschauen und lernen.