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Böses Erwachen

So ist »Thelma«

Brian de Palmas Stephen-King-Verfilmung »Carrie« stand Pate für Joachim Triers kühlen Fantasy-Body-Horror-Schocker. »Thelma« ist mehr als eine Coming-of-Age- und Coming-out-Geschichte.

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Denkt man an Stanley Kubricks »The Shining« oder Brian de Palmas »Carrie«, ist es wohl nicht zu viel gesagt, dass in jedem guten Horrorfilm auch eine abgründige Traumaerzählung steckt. Oft allerdings muss man diese ziemlich lange suchen, hinter all den Blutfontänen und herumfliegenden Körperteilen. Etwas anders verhält es sich mit Joachim Triers vierten Spielfilm »Thelma«: Hier rückt das Psychodrama in den Vordergrund, während sich der Horror auf leisen Sohlen anschleicht.

Mal abgesehen von der verstörenden Eingangsszene, in der ein Mann in einem verschneiten Wald mit einem Jagdgewehr auf den Kopf seiner kleinen Tochter zielt, scheinen wir es zunächst mit einer in gediegenem Tempo erzählten Coming-of-Age-Story zu tun zu haben. Hauptfigur Thelma (Eilie Harboe) zieht zum Studium nach Oslo. Überbehütet und isoliert in einem streng christlichen Haushalt an der Küste Norwegens aufgewachsen, fällt es ihr schwer, Anschluss zu finden. Zuneigung findet sie einzig bei ihrer Kommilitonin Anja (Kaya Wilkins). Als sich aus der Freundschaft ein heftiger Flirt entwickelt, bekommt das, was in ein Coming-out auf verschiedenen Ebenen münden könnte, einen dunklen Twist. Denn parallel zu ihrem erwachenden Begehren wird Thelma von unkontrollierbarem Zittern und immer heftiger werdenden »epileptischen« Anfällen heimgesucht. Und es wird noch weirder: Straßenlaternen beginnen zu flackern, wenn Thelma sich intensiv auf das Objekt ihrer Begierde konzentriert, und als Anja während einer Tanzperformance zum ersten Mal ihre Hand ergreift, gerät gar das gesamte Opernhaus ins Schwanken. Ob übernatürliche Kräfte am Werk sind oder sich eine verwirrte Heranwachsende in megalomane Fantasien hineinsteigert, lässt Trier lange offen. Ziemlich deutlich wird hingegen, dass mit Thelmas Eltern etwas ganz und gar nicht stimmt. Dass sie ihre Tochter allabendlich über deren Schlaf- und Essgewohnheiten und neue Facebook-Freundschaften ausfragen, geht kaum noch als »normale« Helikoptereltern-Paranoia durch. Vielmehr scheint hinter ihrem Kontrollwahn ein dunkles Familiengeheimnis zu stecken, das sich bereits durch mehrere Generationen zieht.

Damit stellt sich »Thelma« in eine lange filmische Tradition, mittels Fantastik und Bodyhorror von der Emanzipation weiblichen Begehrens zu erzählen, in der auch de Palmas »Carrie« sowie John Fawcetts Teenie-Werwolf-Trash »Ginger Snaps« oder Julia Ducournaus feministischer Zombie-Horror »Raw« stehen. Nicht so allerdings in ästhetischer Hinsicht. Triers Film ist – bis auf das mit christlicher Symbolik allzu überladene Ende – in einer skandinavisch-unterkühlten Optik gehalten, die eher an »So finster die Nacht« erinnert. Und die kann einem, bei aller Subtilität, durchaus das Blut in den Adern gefrieren lassen.

— »Thelma« (N 2017; R: Joachim Trier; D: Eilie Harboe, Kaya Wilkins; Kinostart: 22.03.18; Koch)