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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Freiheit ist ein dehnbarer Begriff

So ist »The Woman Who Left«

Das philippinische Drama stellt dein Zeitgefühl auf den Kopf und belohnt dich am Ende für deine Geduld. 
Geschrieben am
228 Minuten Tagalog (die am weitesten verbreitete Sprache der Philippinen) mit Untertitel? »The Woman Who Left« ist kein Spaziergang, könnte man meinen. Dabei ist er genau das, der neue Film des philippinischen Regie-Stars Lav Diaz, der letztes Jahr in Venedig den Goldenen Löwen gewann: ein Spaziergang. Mit seinen Längen, seinem gemächlichen Tempo, seinem Abdriften ins Lapidare, seinen poetischen Momenten.

Im Mittelpunkt steht Horacia (Sharo Santos-Concio), die nach 30 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird. Eine falsche Beschuldigung hatte sie hinter Gitter gebracht. Wir schreiben das Jahr 1997, die Philippinen werden von einer Entführungswelle heimgesucht, und Horacia muss ihr Leben regeln. Zunächst besucht sie ihr altes Zuhause, verschenkt es an das Paar, das sich um die Instandhaltung gekümmert hat, und macht ihre Tochter ausfindig. Dann will Horacia Rache nehmen.

Filmisch beginnt nun eine Art »Old Boy« in Slow-Motion. Wir folgen Horacia, als sie eine Obdachlose kennenlernt, die sie vor Dämonen warnt, und begleiten sie bei der Begegnung mit einem Eierverkäufer und dem homosexuellen Transvestiten Hollanda. Dafür nimmt sich der Film so unendlich viel Zeit, dass man gar genervt davon ist, dass er nicht langweilig wird. Es entfaltet sich eine naturalistische Erzählung, die durch die Poetik der Bilder und des Schauspiels getragen wird und fast vergessen macht, warum Horacia eigentlich unterwegs ist. Wie ein Engel hilft sie all jenen, denen geholfen werden muss, dem »Abschaum« schlägt sie dafür das Gesicht ein.

Lav Diaz’ Film über das Stadtleben jenseits des Molochs Manila, über die Ausgestoßenen und die kleinsten Räder der Gesellschaft ist so bezaubernd wie fordernd. Trotz aller Länge verliert »The Woman Who Left« nie an Dichte. Äußerst geschickt werden im Hintergrund Geschichten erzählt, die für den weiteren Verlauf noch mal wichtig werden.
— »The Woman Who Left« (RP 2016; R: Lav Diaz; D: Sharo Santos-Concio; Kinostart: 04.02.18; Grandfilm)