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Luke Skywalker schlägt zurück

So ist »Star Wars: Die letzten Jedi«

Intro-Redakteur Wolfgang Frömberg ist seit 34 Jahren »Star Wars«-Fan. Hier erklärt er, wie es dazu kam, und warum Episode VIII für ihn der bislang beste »Star Wars«-Film überhaupt ist. Ohne Spoiler.
Geschrieben am
Meinen ersten »Star Wars«-Film habe ich im Alter von zehn Jahren gesehen. Zuvor musste ich mit einem Monster kämpfen, wobei ich mich nicht sehr heldenhaft anstellte. An der Kasse des Residenz-Kinos in Köln arbeitete 1983 eine alte Dame, die einen ähnlichen Ruf hatte wie jener Rentner, der in einem der Hochhäuser wohnte, die öfters Ziel unserer Streiche waren. Von dem Alten hieß es, er schieße vom Balkon aus mit einem Luftgewehr auf lästige »Klingelmäuschen«. Weil er ein alter Nazi sei und schon viele Leute auf dem Gewissen habe.

»Die Rückkehr der Jedi-Ritter« war ab zwölf Jahren freigegeben – und vor lauter Schiss gab ich beim Abreißen der Karte auf Nachfrage mein wahres Alter preis. Zehn. Statt den dummen Jungen mit großmütterlicher Güte durchzuwinken, schickte die riefenstählerne Türhüterin mich nach Hause. Das Ticket hatte ich allerdings noch in der Tasche, und so kam ich einen Abend später doch noch an ihr vorbei – an der Hand meiner Mutter, die den bezahlten Eintritt nicht verfallen lassen wollte, allerdings sonst nie ins Kino ging und mich nach Filmende entgeistert anschaute: »Was war das?« Ich sagte lieber gar nichts, opferte aber am nächsten Tag mein Sparschwein für ein »Krieg der Sterne«-Sammelalbum und einen riesen Stapel Sticker. 

Auch ich hatte Fragen: Wie waren Han Solo und Prinzessin Leia in Jabbas Fänge geraten? Wo hatten sich Luke und Yoda schon mal getroffen? Der ursprüngliche Film aus dem Jahr 1977 und die drei Jahre später im Kino gestartete Fortsetzung »Das Imperium schlägt zurück« waren von der FSK ab 6 eingestuft wurden, das Residenz zeigte sie für Spätgeborene in seinen schuhkartongroßen Sälen im Keller. Die alte Schreckschraube an der Kasse beäugte mich missmutig, als ich mit einem Eimer Popcorn die Stufen hinunter tapste. »Du wärst dem Imperator eine treue Dienerin«, dachte ich. Als der Eimer zum zweiten Mal leer war, wusste ich mich aufgeklärt. Lukes Furcht von dem monströsen Vater erschien mir als die nachvollziehbarste Geschichte der Welt – ebenso die Einteilung der Galaxie in eine gute und eine dunkle Seite. Schließlich war ich ja ein Kind des Kalten Krieges, in der Tagesschau wurde auch nichts anderes erzählt. Zwar hatte ich ein Märchen gesehen, das von Rittern und einer Prinzessin handelte. Doch die Formel »Es war einmal« sollte mich auf einen Trip schicken, der offensichtlich nicht für kleine Babys gedacht war. Ja, das war ein Märchen aus der Zukunft und damit so cool wie der Walkman und andere echte Erfindungen jener Zeit –  ein glamouröseres Ding als ein Lichtschwert war für mich lange nicht vorstellbar.

So wie der Surround-Sound der Sternenschlachten in »Die Rückkehr der Jedi-Ritter« meine Mutter an Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg erinnert haben mag, ließ die Ankündigung der Prequels, die George Lucas schließlich drehte, in mir Erinnerungen an meinen ersten »Krieg der Sterne« hochkommen. So lebt halt jeder in seinem eigenen Film. R2D2, C-3PO, Chewbacca, Prinzessin Leia, Boba Fett klebten fest in meinem Herzen wie ihre Bilder im verlorengegangenen Sammelalbum. Natürlich schaute ich mir »Die dunkle Bedrohung« an. Schon mit den ersten Tönen des Scores von John Williams bekam ich eine Gänsehaut, die nach wenigen Minuten einer klammheimlichen Freude darüber wich, dass ich mich als Teil der wahren »Star Wars«-Generation betrachten durfte. Episode I war definitiv Schrott. Ewan McGregor und Liam Neeson spielten die Jedi-Ritter wie Mönche aus »Der Name der Rose«, die in einem Fantasy-Klamauk gefangen waren, den man durch originale »Star Wars«-Requisiten aufgepimpt hatte. Rassistische Klischeefiguren wie Jar Jar Binks und Watto konnten ja wohl nicht George Lucas’ Ernst sein! Episode II und III machten es nicht besser.  So sollte sich Anakin Skywalkers Verwandlung in Darth Vader abgespielt haben? Lächerlich. Dabei war dieser Konflikt, der bis zum Fall der Maske unter Vaders Panzer schwelte, eine wahrhafte Tragödie, die ich einst im Keller des Residenz-Kinos körperlich hatte spüren können. Mit Bezug zur Wirklichkeit, denn vielleicht war mein Vater ja auch ein Mensch und keine unanfechtbare Autorität mit finsteren Kräften?
Noch während »Die dunkle Bedrohung« konvertierte ich im Kinosaal zum Orden des Früher-war-alles-besser. Dessen heilige Bücher würden die Episoden IV-VI  sein. Das sollten sie für immer bleiben. Die Zukunft der »Star Wars«-Geschichte lag in der Vergangenheit. Möge die Macht... und so weiter.

J.J. Abrams hat es als Produzent des Reboots und Regisseur von Episode VII geschafft, mich von diesem Aberglauben zu befreien. Mit dem blutverschmierten Helm des Stormtroopers fing es an. Finn, der sich aus der anonymen Masse der Ersten Ordnung verabschiedet, um dem Widerstand zu helfen. Er war das erste von vielen neuen Details einer alten Geschichte, die Abrams einbaute, während er sich eng an die vom Früher-war-alles-besser-Orden herbeigesehnte Retro-Ästhetik hielt. Mal abgesehen vom sichtbaren Disney-Einfluss in der Gestalt von Maz Kanata oder Snoke, den Regisseur Rian Johnson nun mit den plüschigen Porgs fortführen darf. So kam beim Start des Millenium Falken – symbolträchtig von einem gigantischen Schrottplatz abhebend – jene Gänsehaut wieder, die ich schon am Anfang von »Die dunkle Bedrohung« verspürt hatte. Diesmal blieb sie wahrscheinlich den ganzen Film über bestehen, weil Rey am Steuer des alten Vogels saß und nicht mein alter Testosteron-Held Han Solo.

Han Solos Tod im Showdown von »Das Erwachen der Macht« als furiose Umkehrung des alten »Star Wars«-Vater-Sohn-Dilemmas war ein weiterer Fingerzeig gewesen, dass die neue Geschichte fortschreitet, während sie den Lucas-Mythos Stück für Stück auseinandernimmt. Jetzt ist klar: Die Episoden VII –IX tragen die Episoden IV -VI auf dem Buckel, so wie Chewbacca den auseinandergenommenen und anders wieder zusammengebauten C-3PO während der Flucht im Finale von »Das Imperium schlägt zurück« auf seinem flauschigen Rücken mit sich herumschleppt.

Beim Schauen von »Die letzten Jedi« musste ich öfter an den zweiten Teil der Originaltrilogie denken. »Das Imperium schlägt zurück« war ein meisterhaftes Zwischenspiel,  das für viele Fans bis heute der beste »Star Wars«-Film ist. Es gibt zum Beispiel lebhafte Reminiszenzen an AT-AT-Kampfläufer, den improvisierten Rebellenstützpunkt auf Hoth und Anspielungen auf Lukes Ausbildung zum Jedi im Dagobah-System – oder auf Lando Calrissians Wolkenstadt. Gleichzeitig gehen die heiligen Bücher der guten Seite in »Die letzten Jedi« in Flammen auf. Eine Szene mit symbolischem Wert für den Früher-war-alles-besser-Orden, auch wenn die Schriften später wieder auftauchen, weil das Verbrennen von Büchern bekanntlich eine Angelegenheit der dunklen Seite der Macht ist.  Es kann jedoch kein Zufall sein, dass Kylo Ren beschließt, seine Maske nicht mehr zu tragen. Mit ihr sieht er eben aus wie ein Kind, das einen Bösewicht spielt. So wie wir damals im Karneval, wenn wir uns als Darth Vader verkleideten.
Durch diesen souveränen Umgang mit der eigenen Vergangenheit entwickelt sich Episode VIII im Lauf einer rasanten Handlung zum besten »Star Wars«-Film aller bisherigen Zeiten. Es geht voran: Essentials wie Laser-Martial-Arts, Weltraum-Battles, Hangar Porn sowie Droiden-und Sonstige-Wesen-Freakshow und die ganz besonders berührenden Carrie Fisher-Momente mal beiseite genommen, entdeckt man plötzlich eine Art Kapitalismuskritik und ein aufblühendes Matriarchat in der Galaxie – jenseits von Jedi. Selbst der Biologismus des Auserwähltseins kommt in die »Star Wars«-Mottenkiste. 

Das wichtigste Bild aber könnte Luke Skywalkers Roboterhand sein. In »Das Imperium schlägt zurück« wurde ihm die Hand von Darth Vader abgesäbelt. Die ganz bewusste Erinnerung an diese Wunde erscheint in diesem wunderbarsten aller Space-Opera-Abenteuer als Mahnung, dass man Faschisten niemals die Hand reichen darf, indem man mit ihnen spricht. Eine Wahrheit, die uns für immer bleibt.

Star Wars: The Complete Saga [9 Blu-rays]

Release: 12.10.2015

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