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Eine schrecklich echte Familie

So ist »Shameless«

Frank Gallagher und seine Kinder stehen im Mittelpunkt der US-Adaption der britischen Serie »Shameless«. Eine Sippe im Krieg mit sich selbst und mit der Gesellschaft. Wolfgang Frömberg ist seit sieben Staffeln Fan und freut sich auf die neuen Folgen.
Geschrieben am
Als Mitglied der Familie Gallagher weiß man, was es bedeutet, Sklave der eigenen Herkunft zu sein. Die sechs Geschwister und ihre mehr oder weniger abwesenden Eltern tummeln sich in dem gesellschaftlichen Segment, das man heutzutage als »Unterschicht« bezeichnet. Ohne Mutter leben sie in einem Haus in einer heruntergekommenen Gegend Chicagos, nicht weit entfernt von einer anderen White Trash-Fernsehfamilie, den Conners, die in den Neunzigern in der Show »Roseanne« typische Alltagsprobleme der Arbeiterklasse durchlebten – als Einwohner der fiktiven Stadt Lanford im selben Bundesstaat, Illinois.

»Shameless« ist anders als »Roseanne« keine Sitcom, sondern eine Dramedy, auch wenn die je zirka einstündigen Folgen ordentliche Portionen bittersüßem Humors verströmen, so wie der verlotterte Patriarch Frank vermutlich heftig nach niederschmetternden Dosen bewusstseinsverändernder Substanzen stinkt, wenn er sich vom Fußboden des Hauses oder einem anderen Schlafplatz erhebt, der den meisten Straßenhunden zum Pennen zu schmuddelig wäre. Den Haushalt schmeißt die älteste Tochter Fiona. 

Zu Beginn erscheinen die Sorgen der Gallaghers noch harmlos amüsant – und Lösungen liegen in Reichweite. Die kaputte Waschmaschine ersetzt ein finanzkräftiger Verehrer Fionas. Der intelligente Macho Lip sieht ein, dass sich die Homosexualität seines jüngeren Bruders Ian nicht durch einen Blowjob im Nachhilfeunterricht mit der offenherzigen Karen heilen lässt. Debbie und Carl sind noch halbwegs unschuldige Kinder. Und Nesthäkchen Liam ein Baby, dem nicht schwant, das ihn seine im Vergleich zum Rest der Familie wesentlich dunklere Hautfarbe schon als Freak brandmarkt. 

Ihr sozialer Status macht allerdings die ganze Sippe zu Außenseitern. Geld ist Mangelware. Die umherschweifende Mutter Monica trägt nichts zum Unterhalt bei, und Vater Frank haut in der Stammkneipe »The Alibi Room« seine ergaunerte Kohle auf den Kopf. Aber je mehr die Heranwachsenden den Ausbruch aus der kaputten Familie herbeisehnen, desto solidarischer verhalten sie sich innerhalb ihrer Grenzen, sobald feindliche Institutionen übergriffig werden. In ein Heim – oder schlimmer, in verschiedene Heime – wollen sie sich nicht stecken lassen. Auch auf gutgemeinte Hilfe können sie verzichten. Als Fionas Lover Steve den betrunkenen Frank nach einem Akt häuslicher Gewalt zur Strafe in Kanada aussetzt, hört der Spaß auf. Blut ist dicker als Franks Dickschädel – und als Steves Brieftasche. 

Manchmal ist »Shameless« ganz schön albern. Vor allem wenn es um Sex geht, und es geht dauernd um Sex. Die Charaktere kommen einem dann wie triebgesteuerte Proll-Witzfiguren vor, die kopulierend Stress abbauen, um dabei herauszufinden, dass Sexualität haufenweise Probleme aufwirft. Also betäuben sie ihren Frust. Wie man sich das Leben der Proletarier halt so vorstellt. Aber Sex, Liebe und McJobs sind eben harte Arbeit, bei der man sich hier und da lächerlich vorkommt.  Während die Nachbarn der Gallaghers, die »Alibi«-Betreiber V und Kevin, es anfangs wie Hetero-Karnickel treiben, bevor sie irgendwann eine Ménage-á-trois mit einer russischen Sexarbeiterin eingehen, entdeckt Karens Mutter Sheila schnell ihre Vorliebe für dominanten Sex, als ihr pervers-konservativer Gatte das Haus verlässt. Frank nutzt die Gunst der Stunde, um bei Sheila unterzukriechen. Für das Dach über dem Kopf und das Essen auf dem Tisch muss er vor dem Schlafengehen lediglich die Begegnung mit einem mächtigen Dildo erdulden. Kein schlechter Deal. Allerdings gönnen ihm die Drehbücher niemals Ruhe. Schon lockt Sheilas Tochter Karen, die Freundin seines Sohnes Lip, den notgeilen alten Sack mit ihrem Lolita-Theater. Frank kann nicht widerstehen. Er ist ein 24/7-Loser mit Sendungsbewusstsein. Sein Fleisch ist schwach, der Geist ist störrisch.

John Wells’ »Shameless« ist die amerikanische Adaption der gleichnamigen britischen Produktion von John Abbott. Die Darsteller um William H. Macy als Frank sind so perfekt, dass man sich kaum vorstellen kann, die britischen Kollegen kämen da nur annähernd heran, weshalb man auf das Original getrost verzichten darf. Man mag sich eh nicht mehr von der dramatischen US-Variante losreißen: Im Lauf der Handlung kehrt Monica zurück und Frank braucht nicht nur eine neue Leber, auch sein Herz wird mehrfach gebrochen. Debbie wird eine Teenage-Mom, derweil zieht es Carl nach einer bizarren Karriere als Drogen- und Waffendealer zum Militär. Liam lernt sprechen, Ian verliebt sich bretthart in den Ultra-Asi Mickey, der seine Homosexualität verleugnet, um nicht vom Vater umgebracht zu werden. Der ist ein Schweinehund, neben dem Frank wie der fürsorglichste Dad ganz Chicagos wirkt. Die Beziehung zwischen Ian und Mickey entwickelt sich zu einer der leidenschaftlichsten Romanzen der TV-Serien-Historie. »Shameless« lässt dich heulen. Weil es verdammt lustig und schrecklich traurig ist. 

Persönliche Entwicklung meint für Fiona, Lip und die anderen zwangsläufig den Schritt in die falsche Richtung – und Fortschritt bedeutet, dass die zähe Liberalisierung der Gesellschaft mit der rasanten Entfesselung des Marktes einhergeht. Ja, die Reichen werden die Armen fressen. Frank glaubt das genau zu wissen. So pflegt er den gewieften Sozialdarwinismus des Underdogs, während die Folter ausbleibender Wohlfahrtsschecks, fortschreitender Gentrifikation, mangelnder Gesundheitsversorgung und kraftraubender Familienangelegenheiten nie endet. Der Soundtrack dazu ist so passend, dass selbst Maroon 5 dich tief berühren.

Die Gesellschaft bleibt der Feind der Gallaghers – und »Shameless« unversöhnlich. Lip wehrt sich beständig gegen seine Rolle als Genie aus den Slums, muss jedoch am College feststellen, was es heißt, wenn sich die Bildungselite anerkennend über eine Working-Class-Hoffnung hermacht, während ihn die vererbten Ketten unbarmherzig an seinen Stammbaum fesseln. Eine Weile streitet er mit Fiona um die Position des Alphamännchens beziehungsweise Alphaweibchens im Gallagher-Rudel. Dabei führt er sich wie ein Idiot auf. Nicht als einziger. Fiona werden nach ihrem ersten Serien-Freund Steve noch eine Reihe weiterer Lebensabschnittsgefährten männliche Doofheit beweisen  – wie der verlassene Musiker, der mit seinem armseligen Revenge-Song die Blaupause für Kraftklubs »Dein Lied« geliefert haben könnte. Fiona geht durch die Hölle, und irgendwann beschließt sie, ihren eigenen Weg zu gehen. Unerbittliche Konkurrenz, unvermeidliche Vereinzelung und unzertrennliche Familienbande haben da schon längst Spuren in ihr hinterlassen. Wie die anderen feilt sie aber weiter an sich und ihrem Erbe, während die Verhältnisse sie verschleißen – und feiert immer mal wieder einen kurzen Triumph über die Umstände. Tragisch und komisch, überdreht und bescheuert, aber wahr.
Die siebte Staffel läuft ab 29. Januar und die 8. Staffel ab 26. Februar 2018 auf Foxchannel. Die Staffeln 1 – 6 sind via Amazon Prime ohne Extrakosten verfügbar, Staffel 7 kostenpflichtig.

»Shameless« (USA 2011 – 2018; C: John Wells, Paul Abbott; D: Emmy Rossum, William H. Macy, Jeremy Allen White)

Stephen Hopkins

Shameless - Die komplette 7. Staffel [3 DVDs]

Release: 21.12.2017

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