×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Herzblut

So finster die Nacht

Regisseur Tomas Alfredson schafft in "So finster die Nacht" das Kunststück, dem Genre des Vampirfilms eine nie gesehene Variante hinzuzufügen.
Geschrieben am
Regisseur Tomas Alfredson schafft in "So finster die Nacht" das Kunststück, dem Genre des Vampirfilms eine nie gesehene Variante hinzuzufügen. Für seine schaurig-traurige Geschichte führt er zwei Kinder zusammen, denen auf je eigene Art die Seele schmerzt.

"Die schönste Zeit meines Lebens." Dieser Satz fällt erstaunlich oft, wenn Menschen sich an ihre Schulzeit erinnern. Vor allem an die aufwühlenden prä-pubertären Jahre denken viele mit Wehmut zurück. Für andere war genau diese Zeit die Hölle. Höchstwahrscheinlich kann sich jeder an mindestens ein Kind erinnern, mit dem die Mitschüler ihre bösartigen Machtspiele trieben. Der Held des Films "So finster die Nacht" ist so ein Prügelknabe.

Eine schwedische Trabantenstadt, Anfang der 80er. Oskar, ein ca. 12-jähriger Junge von porzellanener Blässe, lebt die Erniedrigungen durch einige Klassenkameraden mittels ritualisierter Gewaltfantasien aus. Das einsame Scheidungskind kann mit niemandem über seine Probleme sprechen. So scheinen diese Träumereien die einzige Möglichkeit, mit der bedrückenden Situation umzugehen. Alles ändert sich, als der wahre Horror in dem tristen Vorort Einzug hält: Ein Junge wird abgeschlachtet und ausgeblutet. Gleichzeitig lernt Oskar ein blasses Mädchen namens Eli kennen und freundet sich mit ihr an. Doch Eli ist kein Mädchen, sondern ein Vampir, der auf profane Weise dazu gezwungen ist, sich von menschlichem Blut zu ernähren. Während sich seine Umwelt vor einem gefährlichen Monster in der eigenen Mitte zu fürchten beginnt, bedeutet die Freundschaft zu der Untoten für Oskar selbst das große Glück.

Für seine Interpretation des Vampirthemas hat Tomas Alfredson einen verblüffend unsentimentalen Stil gefunden. Der großartig besetzte Film ist keine Reminiszenz an vergangene Klassiker, eine Herangehensweise, die andere Genre-Regisseure leider oft als Pflichtprogramm empfinden. Alfredson bekennt sogar offen, dass er "noch nie einen Vampirfilm gesehen" habe. Das klingt unglaublich, bis man "So finster die Nacht" sieht. Stille und ausgeruhte naturalistische Bilder voller Schnee und Kälte bilden die Bühne zu einer Tragödie, die ansonsten alle Genregrenzen sprengt: Coming of age, Romantik, Horror, Rache, Komik und Trauer - alles ist drin in diesem Film, erzählt mit einer Ausgewogenheit, wie man sie nur selten erleben darf. Das zentrale Thema ist allerdings die treue Freundschaft zweier Kinder, von denen eines gar keines ist und das andere nicht immer eines bleiben wird. Eine letztendlich tieftraurige Geschichte voller atemberaubender Szenen, von denen die grandiose Schlusssequenz in einem Schwimmbad schon jetzt zu einem der Glanzlichter des gesamten Horrorgenres gezählt werden sollte. Mindestens.


So finster die Nacht (S 2008; R: Tomas Alfredson; D: Kåre Hedebrant, Lina Leandersson, Per Ragnar, Peter Carlberg; 23.12.)