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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Dietmar Dath

Sie ist wach. Über ein Mädchen, das hilft, schützt und rettet

Eine neue Pisa-Studie kam kürzlich zum selben Ergebnis wie die alte: Nirgendwo auf der Welt hängt der Schulerfolg so unmittelbar mit dem Einkommen der Eltern zusammen wie in Deutschland. “Friseur bleibt Friseur, Arzt wird wieder Arzt” (taz). Ich finde das sehr deprimierend, möchte es nahezu gar nich
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Eine neue Pisa-Studie kam kürzlich zum selben Ergebnis wie die alte: Nirgendwo auf der Welt hängt der Schulerfolg so unmittelbar mit dem Einkommen der Eltern zusammen wie in Deutschland. “Friseur bleibt Friseur, Arzt wird wieder Arzt” (taz). Ich finde das sehr deprimierend, möchte es nahezu gar nicht wissen und habe sowieso nie verstanden, warum Friseure so schlecht bezahlt werden. Aber es zeigt, warum die eigentlich doofe sozialdemokratische Forderung, jemand möge doch bitte mal über seinen Tellerrand schauen, hierzulande fast einem Gebet gleichkommt. Einer, der’s wirklich draufhat, dieses Gebet zu erhören, es beinahe mitzubeten, ohne dabei anbiedernd den Kopf oder das Wissen abzustellen, ist Dietmar Dath. Er scheint auch ziemlich an der gegenwärtigen Pop-Kulturkritik zu leiden, denn er schreibt an vielen Stellen seines neuen, wunderbar wachen Buches – über eine Fantasy-Fernsehserie für 16-jährige Mädchen, die noch Träume haben, aber nicht unbedingt Eltern mit hohem Einkommen – dagegen an: Gegen die Ideologiekritiker, die im Rahmen von “Barbie Studies” oder “Akte X-Theorie” eine “reichlich bewusstlose Selbstbespiegelung” betreiben, mit der sie die Popkultur auf “Rassen, Klassen und Geschlechter”-Beschränktheiten absuchen. Und gegen die dummen Geschmäckler, die gar keine Beschränkungen mehr anerkennen und “all ihrem Gerede von Lektüre zum Trotz ... nicht mal die Handlung einer einzigen Fernsehserie, über die sie schreiben, richtig wiedergeben können.”

Das kann einer wie Dietmar Dath wahrscheinlich noch weniger fassen als ich. Denn er hat das beste Buch über eine Fernsehserie geschrieben, das ich je gelesen habe. Er fasst nicht nur virtuos und leidenschaftlich die Handlungsstränge zusammen, sodass man sie romanhaft neu erleben kann, er packt zur Pro7-Serie “Buffy, die Vampirjägerin” auch noch sein ungeheures philosophisches erkenntnisreiches Wissen mit drauf, erzählt soulful von seiner eigenen Jugend und auch von der Jugend derer, die weltwirtschaftskrisenbedingt zu den letzten fahlen Schnäppchenjägern im HMV-Ausverkauf werden. “Ob es noch ein Proletariat gibt? Klar, man braucht sich bloß umzuschauen ... Solange es Leute gibt, die nicht dabei mitmachen dürfen, was, wann, wie viel, wo und warum hergestellt wird, obwohl das alles angeblich für sie passiert, weil sie das Produzierte nämlich verbrauchen (und verkaufen) sollen. Vollständige Ohnmacht gegenüber der Produktion.”

Wenn ich noch mal 16 wäre und so ein leidenschaftliches Buch über meine TV-Lieblingsserie lesen dürfte und dabei feststellen könnte, wie viel mehr noch drin ist an Wahrheit über alles – schon allein, wie schaurig-schön Dath die Szene beschreibt, in der Buffy in die Psychiatrie kommt, oder wie spannend er noch mal den Wirklichkeits-Begriff des Fantasy-Genres erklärt –, ich würde wieder intellektuell werden wollen, auch wenn meine Mutter “nur” Friseuse ist. Aber 16-jährige Träumerinnen, die sich mit Monstern herumschlagen, oder Jungs mit schlechtem Teint und Rage-Against-The-Machine-T-Shirts werden dieses schöne Buch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder nicht zu lesen kriegen – es sei denn, sie bestellen es jetzt einfach sofort unter: www.implex-verlag.de. PS: Die wahre Glanzleistung dieses neuen Dath-Werkes besteht aber natürlich darin, dass viele der Aufsätze schon mal in der FAZ und auch in der Spex abgedruckt waren. Genau die richtigen Orte also, um explizit gegen den falschen Pop-Diskurs anzugehen.

(Implex-Verlag, 320 S., EUR 26,-)