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USA 2007

Sicko

In der lustigen, mopsfidelen Welt des international erfolgreichsten Dokumentarfilmers macht sich zunehmend ein unangenehmer Geruch breit.
Geschrieben am

In der lustigen, mopsfidelen Welt des erfolgreichsten Dokumentarfilmers weltweit macht sich zunehmend ein unangenehmer Geruch breit. Daran ändern auch die Bemühungen seiner härtesten Fans nichts, die mit ihren Gegen-Gegendarstellungen dem Bärchen einen Bärendienst erweisen: Als wollten sie mit einem billigen Raumspray überdecken, dass sich in allen Ecken Mist ansammelt, parieren sie Anschuldigungen mit pedantischen Relativierungen und reden dem guten Zweck das Wort.

Mit dem traurigen Ergebnis, dass Moores fragwürdig geheiligten Mittel nicht mehr nur unangenehm riechen, sondern so zum Himmel stinken, als hätte jemand in einen Fliederbusch geschissen. Das ist beim besten Willen nicht mehr zu ignorieren, und keiner macht sich zum reaktionären Volltrottel, wenn er das auch mal anmerkt - wie es u. a. auch Debbie Melnyk und Rick Caine mit ihrem Moore-kritischen Film "Manufacturing Dissent" beweisen. (Warum sie damit dennoch nicht nur zur Lösung, sondern auch zum Problem des zeitgenössischen Dokumentarfilms beigetragen haben, kann die geneigte Leserschaft einem Interview mit beiden im nächsten Intro entnehmen.) Das ist natürlich ein Klima, das es den reaktionären Kräften leicht macht, ihre ideologisch motivierte Kritik an Moore einer frischen Klientel unterzujubeln. Also Obacht!

Und wenn überall der "Moore-Backlash in Full Effect" erscheint, möchte man ja auch nichts so gern, wie das Bärchen noch mal zu umarmen. Darum das Schlimmste zuerst: Am Ende von "Sicko", seinem neuen Essayfilm über das amerikanische Gesundheitssystem, präsentiert Moore einen Scheck über 12.000 Dollar. Die hat der Multimillionär anonym einem seiner größten Kritiker gespendet, oder besser: dessen Frau, die eine Operation brauchte und nicht (ausreichend) krankenversichert war. Der ironische Twist: So habe er das "Überleben der größten Anti-Michael-Moore-Website" gewährleistet. Was für eine anständige Geste! Was für eine unanständige Film-Szene! Moore gehorcht damit natürlich nur dem kategorischen PR-Imperativ: "Tu Gutes und sprich darüber." Dennoch verwandelt er mit dieser Szene etwas Erhabenes in eine extrem billige Pointe - Pappnasen wie Raab, die stolz proklamieren, jederzeit einen Freund für einen schlechten Scherz zu verkaufen, scheint im Vergleich dazu förmlich die Sonne aus dem Arsch. Das ist sehr schade, denn Moore vermag noch immer wie nur ganz wenige seiner Kollegen zu emotionalisieren und zu amüsieren: Wie er immer so etwas grenzdebil durch die Szene tapst, mit seinem Übergewicht ohnehin ein Gesundheitsrisiko auf zwei Beinen, und überall mit großen Augen ungläubig nachfragt, um die Ungeheuerlichkeit der Aussagen seiner Interviewpartner zu unterstreichen - einfach knuddelig; wie er das zweifellos desaströse US-Gesundheitssystem mit zahlreichen anderen vergleicht und als ein widerliches Geflecht von Lobbyisten und bezahlten Politikern präsentiert - kafkaesk; und wie er die Leiden der unschuldigen Opfer des Systems fühlbar macht, natürlich ausnahmslos anständige, wenn nicht heldenhafte Amerikaner - ergreifend. Selbst den Höhepunkt des Films, ein Trip nach Kuba, wo Medikamente und Behandlung fast umsonst sind, würde man ihm schon wegen des Gags über Guantanamo Bay verzeihen - wüsste man nicht ganz genau, dass es auch ums dortige Gesundheitssystem nicht so gut bestellt sein kann. Die kleine kubanische Klinik am Rande der Stadt wirbt aber inzwischen mit ihrem Auftritt in "Sicko" um sogenannte "Med-Touristen" - damit hat Moore zumindest etwas zur aktiven Völkerverständigung beigetragen. Der Rest ist Popcorn-Mondo. Man nennt es auch "guilty Pleasures".

Hier geht's zur Kritik von "Manufacturing Dissent"