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auf DVD: Cineastischer Perserteppich

Shutter Island

Großartiger Edel-Pulp oder Kino als Kirmes für ein cinephiles Publikum? Eine Plus-/Minus-Kritik von Alexander Dahas und Christian Meyer.
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Martin Scorsese mit seinem Alterswerk "Shutter Island": Nun erscheint der Streifen auf DVD und Blu-Ray. Großartiger Edel-Pulp oder Kino als Kirmes für ein cinephiles Publikum? Eine Plus-/Minus-Kritik von Alexander Dahas und Christian Meyer.

+ They do make ‘em like this anymore. Polanski hat Hausarrest, Scorsese läuft aber noch frei draußen herum, und „Shutter Island“ ist genau das, was passiert, wenn sogenannte Altmeister späte Volltreffer landen.

Überlang, überstylish und überbordend in fast jeder Beziehung, wabert der Film durchs Unterbewusstsein wie die Augenbrauen des Regisseurs über den roten Teppich. Leonardo DiCaprio ist für den Fedora geboren, morpht eh langsam Richtung Orson Wells und wird von Robert Richardsons Kamera praktisch abgeschleckt. Eigentlich könnte „Shutter Island“ in seiner exquisiten Abgehangenheit als cineastischer Perserteppich herhalten, wenn da nicht die ausgesprochen unangenehmen Geisterbahn-Typen mit der Nazi-Aura wären. Die weitläufige Fankurve spricht abwechselnd von Dennis Lehanes knackiger Buchvorlage und irgendwelchen hintergründigen Fünfzigerjahre-Tribunalen, aber der Film funktioniert tatsächlich am besten als fetischistischer Edel-Pulp, der Idioten-Trigger wie „Saw“ am Spieß grillt.

Alexander Dahas


 
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Martin Scorsese mit seinem Alterswerk "Shutter Island": Nun erscheint der Streifen auf DVD und Blu-Ray. Großartiger Edel-Pulp oder Kino als Kirmes für ein cinephiles Publikum? Eine Plus-/Minus-Kritik von Alexander Dahas und Christian Meyer.

Seit Jahrhunderten lieben Filmstudenten Martin Scorsese für seine Filme. Sie lieben vor allem, dass er seine handwerklichen Fähigkeiten und seine erzählerische Raffinesse mit der Perfektion des Hollywood-Kinos auslebt, aber abseits von dessen Formeln. Auch beim „Caligari“-Rip-off „Shutter Island“ sind sich wieder alle einig: großartige Bilder, tolle Schauspieler, unkonventionelle Story. Dem kann man zustimmen. Nur schade, dass Scorsese in diesem Alterswerk so dermaßen klotzt, dass sowohl Empathie als auch Reflexion komplett ersticken. Das Prinzip lautet Überwältigung. Kino als Kirmes für ein cinephiles Publikum. Der penetrante Soundtrack macht das Prinzip gleich zu Beginn klar. Wem als Entschuldigung die Referenz an alte Horrorfilme genügt – nun gut. Unnötig penetrant und suggestiv ist das trotzdem. Auch erstickt die wenig subtile visuelle Orgie jegliches Interesse an den aufgeworfenen Themenkomplexen von Psychiatriehorror bis Naziterror, die nur als Schnipsel durch den Film blitzen. Leider wird auch deren Restgehalt entsorgt, wenn der finale Twist – wieder so ein Taschenspielertrick – alles Vorherige in einem individuellen Trauma entsorgt.
Christian Meyer
 
Shutter Island

(USA 2010; R: Martin Scorsese; D: Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Michelle Williams; Concorde)

Mehr Spalter gibt es traditionell unter www.intro.de/spezial/spalter.

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