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CZ 2003

Sex In Brno

R: Vladimi­r Morávek; D: Katerina Holánvá, Jan Budar, Miroslav Donutil »In Brno spielen sich jede Nacht 150.000 Geschlechtsakte ab.« Mit diesem Satz beginnt der Debütfilm von Vladimi­r Morávek, in dem das Streben der verschiedenen Figuren auch genau um diese Betätigung kreist: Sex.
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R: Vladimír Morávek; D: Katerina Holánvá, Jan Budar, Miroslav Donutil

»In Brno spielen sich jede Nacht 150.000 Geschlechtsakte ab.« Mit diesem Satz beginnt der Debütfilm von Vladimír Morávek, in dem das Streben der verschiedenen Figuren auch genau um diese Betätigung kreist: Sex. Die langjährigen Brieffreunde Standa und Olinka, die im Mittelpunkt des amourösen Reigens stehen, sind beide Mitte zwanzig, hatten noch nie welchen und wollen in dieser Nacht die Abwesenheit von Olinkas Mutter nutzen, um einiges an Versäumtem nachzuholen. Standa, Sonderschul-Absolvent aus der böhmischen Provinz, ist krankhaft schüchtern, schon bei dem Gedanken an Kontakt zum anderen Geschlecht muss er kotzen vor Angst. Es ist nur der stoischen Strenge seines jüngeren Bruders Jarda zu verdanken, dass er die Reise zu seiner von langer Hand geplanten Entjungferung überhaupt antritt. Zuvor werden daheim aber noch anhand eines Hörnchens die Techniken, die zum Überstreifen eines Kondoms nötig sind, erläutert. Im Gegensatz zu Standa, der mit Jarda nur einen eher dürftigen Berater zur Verfügung hat, lässt sich die ebenfalls extrem naive Olinka derzeit von einem ganzen Beraterstab in Form ihrer zahlreichen Kolleginnen coachen, die aus dem lang erwarteten Tête-à-Tête ein regelrechtes Happening veranstalten wollen. Gleichzeitig machen sich noch verschiedene andere Personen aneinander heran: Eine frustrierte Psychologin versucht einen in jeder Hinsicht unfähigen Fernsehschauspieler zu verführen, ein junger Mann bemüht sich zärtlich um seinen besten Freund, während dieser nur von Frauen schwärmt, und ein viel zu liebes Mädchen gerät ausgerechnet an jemanden, der von ihr ausgepeitscht und beschimpft werden möchte. Vor allem das Verhalten der vielen Nebenfiguren macht verständlich, warum der tschechische Originaltitel eigentlich ›Langeweile In Brno‹ lautet. Das Balzverhalten der Charaktere entbehrt jeder Romantik, ebenso wie die Tipps und Tricks, die Olinka von ihren Kolleginnen wohlwollend mit auf den Weg gegeben werden. In Moráveks ›Brno‹ scheitert die Erotik an der Kommunikationsunfähigkeit der Protagonisten, die allesamt nicht in der Lage sind, eine ehrliche Beziehung zu ihrem Gegenüber aufzubauen. Nur Olinka gelingt es durch ihre Offenheit, den wie Espenlaub zitternden Standa in einen Liebhaber zu verwandeln. Auch wenn das bedeutet, vorher eine Mutter, die die Wohnung nicht verlassen will, mit Schlaftabletten betäuben zu müssen. Morávek setzt in seinem preisgekrönten No-Budget-Film auf international geschätzte tschechische Filmtugenden wie Skurrilität, Direktheit und liebevolle Charakterzeichnung. Trotz einiger produktionstechnisch bedingter Schwächen hat er so ein Panoptikum geschaffen, das uns auf unterhaltsame Art einen Einblick in die Lebenswelt eines hierzulande noch viel zu wenig bekannten Nachbarlandes verschafft.