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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Rubikon

Sebastian Ingenhoff

Auch wenn es in der wirklichen Wirklichkeit nichts Anstrengenderes gibt als altkluge Kinder, haben diese doch in der Populärkultur seit den Peanuts eine gewisse Tradition. In Sebastian Ingenhoffs “Rubikon” sind es drei Jungs im zarten Alter von acht Jahren, die ihr Leben mit den Werkzeugen poststruk
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Auch wenn es in der wirklichen Wirklichkeit nichts Anstrengenderes gibt als altkluge Kinder, haben diese doch in der Populärkultur seit den Peanuts eine gewisse Tradition. In Sebastian Ingenhoffs “Rubikon” sind es drei Jungs im zarten Alter von acht Jahren, die ihr Leben mit den Werkzeugen poststrukturalistischer Philosophie bearbeiten: Der melancholische Lukacs erklärt den eigenen Verliererstatus minderheitentheoretisch zum Prinzip, der schmächtige Sebastian versucht sich im Deutschunterricht an einer “écriture feminine”, und der dicke Lars lässt sein Begehren in voller Intensität durch alle Körperöffnungen strömen. Kein Wunder also, dass sich das Leben im dörflichen Kontext von Zwangsheterosexualität und Fleischkonsum schnell in Überleben verwandelt: “Wir hatten einen Status sozialer Ausgegrenztheit erreicht, der dem eines autistischen Berglöwen gleichkam. Wir waren komplett raus. Gefühlte Soziopathen.” Aber was tut man, wenn man den örtlichen Vereinnahmungsapparaten dennoch etwas entgegensetzen möchte? Ganz klar, man bildet Banden. Ein Buttersäureattentat auf das lokale Fast-Food-Restaurant geht leicht von der Hand, die Schule wird in Müll und Klebstoff eingepackt. Schließlich glückt sogar der Ausbruch. Die Buslinie 365 umschreibt die finale Fluchtlinie heraus aus der Kleinstadt.

Damit nimmt “Rubikon” genau besehen eine noch wenig erprobte Abzweigung. Denn gewöhnlich stellt die frühe Adoleszenz den bevorzugten Topos für ironische Außenseitergeschichten dar. Sie ist der Ort der Initiation in Alkohol, Sexualität und Wahrheit, zugleich kehrt man in die mit ihr assoziierte Verwirrung regelmäßig zurück. Dagegen ergreift Ingenhoff die fiktionalen Möglichkeiten der Prä-Pubertät. Ödipus hat sein Regime bereits errichtet, doch der Übergang in das Erwachsenenleben ist noch außer Reichweite. Der Text findet für diesen biografischen Nicht-Ort eine polemische Jugendsprache, die in keinem Moment ins Regressive kippt. Das Ergebnis treibt seinen Lesern hysterische Lachanfälle und Sorgenfalten ins Gesicht. Kein Zweifel: Theory is bigger than life, Kindheit irgendwie größer als Theorie, aber auch nicht unbedingt schöner. Und die Probleme werden auf keinen Fall kleiner.