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Sam Taylor-Woods »Nowhere Boy«: John Lennons Jugend

Wer zum Teufel ist das?

Die englische Konzeptkünstlerin Sam Taylor-Wood hat mit »Nowhere Boy« einen Spielfilm über John Lennons Jugend gedreht. Dabei wird sie ganz schön intim.
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Sie hat David Beckham im Schlaf gefilmt und eine Riege männlicher Hollywood-Stars zum Heulen gebracht. Den Verwesungsprozess eines Hasen erhob sie ebenfalls zur Kunst. Bei der Konzeptkünstlerin dreht sich alles um Intimität und Vergänglichkeit, da macht ihr Spielfilmdebüt über John Lennons Jugend keine Ausnahme.

Als die 1967 in Croydon geborene Sam Taylor Wood neun Jahre alt war, brach ihr Vater zu einer Weltreise auf. Und verschwand für die folgenden zehn Jahre! Fortan musste sie mit ihrer Mutter und deren neuem Mann in einer Art Aschram leben, wo sich das junge Mädchen so gar nicht wohlfühlte. Als es gerade 15 Jahre alt war, verabschiedete sich auch noch die Mutter.

Später bildete Sam mit ihrem damaligen Ehemann Jay Jopling, dem Gründer der  »White Cube«-Galerie, den maßgeblichen Bestandteil der immens populären Young-British-Art-Bewegung. Dank des Videos »David Beckham Sleeping« wurde sie für den Turner-Preis nominiert. Kurz nach der Geburt ihrer ersten Tochter erhielt sie im Alter von 30 Jahren die Diagnose  Darmkrebs. Kurz nach dessen Überwindung folgte Brustkrebs. Trotz ihrer Gesundung ist es also kein Wunder, dass das Werk der mittlerweile 43-jährigen Künstlerin einen eher sezierenden, von Skepsis geprägten Blick aufs Leben wirft: Im Video »Still Life« lässt sie per Zeitraffer Obst verfaulen; manche ihrer Installationen wirken wie eingefrorene Lebensmomente, in denen nur Details darauf hinweisen, dass man einen Film sieht.

Diese offensichtliche Metaphorik sorgt derweil nicht nur für wohlwollende Kritik: Böse Stimmen wurden laut, sie arbeite gerne mit Stars wie eben Beckham, aber auch Elton John, den Pet Shop Boys oder Paul Newman. Und nun also posthum John Lennon. Das Drehbuch zu »Nowhere Boy« stammt von Matt Greenhalgh, der bereits das Skript für »Control« schrieb. Das passt. Ähnlich wie Joy-Division-Sänger Ian Curtis hat Lennon im Film massive Familienprobleme: Er lebt im Haus der liebevollen, aber superspartanischen Tante Mimi und deren Mann George, der ihm als humorvoller Vaterersatz dient. Erst nach dem Tod von Onkel George erfährt John, dass seine eigentliche Mutter Julia, von der er als Fünfjähriger getrennt wurde, direkt um die Ecke wohnt.

Die Begegnung mit seiner jugendlich wirkenden Mutter öffnet ihm zwar die Welt des Rock'n'Roll, sie stürzt den Jugendlichen aber auch in einen tiefen Konflikt über die Frage, wohin er eigentlich gehört. Im Gegensatz zum Künstlerkollegen Steve McQueen, der jüngst mit seinem drastischen Spielfilmdebüt »Hunger« reüssierte (Intro #175), wählt Taylor-Wood für ihr anrührendes Biopic eine eher konservative Erzählweise. Laut eigener Aussage sind experimentellere Szenen dem Schnitt zum Opfer gefallen. Dafür lässt sie den Darstellern mehr Raum, allen voran natürlich dem 19-jährigen Aaron Johnson, bekannt aus »Kick Ass«. Dieser verkörpert die Hauptfigur mit großer Hingabe. Übrigens hat es während der Dreharbeiten zwischen der Regisseurin und ihrem Hauptdarsteller gefunkt: Inzwischen haben sie eine  gemeinsame Tochter.

Was bezüglich des Films  in der gut- und weniger gutbürgerlichen Presse momentan selbstverständlich für das größte Interesse sorgt. Sam Taylor-Wood wird angesichts ihres Hangs zum Intimen und Vergänglichen Verständnis für diese Neugierde haben.

»Nowhere Boy« (GB/CDN 2009; Sam Taylor-Wood D: Aaron Johnson, Kristin Scott, Thomas) 9.12.2010