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Roman-Debüt: 1Live-Lesung als Podcast

Wolfgang Frömberg / Spucke

Bücher über oder gar gegen die Verhältnisse zu schreiben liegt für viele Autoren nah. Aber nur die Wenigsten stoßen wirklich unsentimental und in gewitzter Schärfe zum Kern der Dinge vor.
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Bücher über oder gar gegen die Verhältnisse zu schreiben liegt für viele Autoren nah. Aber nur die Wenigsten stoßen wirklich unsentimental und in gewitzter Schärfe zum Kern der Dinge vor. Wolfgang Frömberg ist das gelungen, er hält in "Spucke" die Wunden wach und schrieb einen famosen Debütroman über einen prekären It-Boy am Rande des Nervenzusammenbruchs.  UPDATE: Die Lesung von Wolfgang Frömberg vom 30.10.2009 im Rahmen von 1Live Klubbing gibt es hier als Podcast.

Wolfgang Frömberg, früher in Lohn und Brot bei der Spex und seit einigen Jahren im Impressum dieses Magazins zu finden, hat über seine Zeit bei dem legendären Magazin Spex geschrieben. Über die Zeit, als das Magazin noch in Köln saß, der Umzug aber schon beschlossen war.

Und doch ist das Blatt Spucke, wie es im Roman heißt, mehr als nur dieses eine Magazin. Auch Köln ist mehr als nur die Rheingroßstadt, die wir kennen, und Musikkritik ist mehr als nur Kritik der neuesten heißen Scheiben. Frömbergs Held und Antiheld Förster ist bettelarm, reibt sich für die Arbeit an Spucke auf und wird dabei - wie seine Mutter in ihrem Leben - langsam verrückt. Oder man kann es auch so sehen: Er sieht plötzlich klarer. Er sieht, dass wir alle Leichen im Keller haben. Die der Eltern, die der Großeltern, auch eigene. Leichen, die man nicht so leicht übergehen kann.

Wer nun allerdings einen Schlüsselroman über die Spex erwartet, der war vor einigen Jahren schon bei Dietmar Daths großartigem Roman "Phonon" (den Frömberg das eine oder andere Mal freundlich zitiert) schlecht bedient, und auch in diesem Buch erfährt man nicht, wer wem den Koffer trug und wem den Arsch ausleckte. Das ist auch egal; selbst dann, wenn man die Namen zuordnen kann, kommt man nicht auf seine Kosten. Frömberg hat keine Zeit für Klatsch, es geht ihm um das große Ganze, wie jedem ordentlichen Linken. Daher hat die Nation, hat der März-Verlag, die Wochenzeitung Jungle World, haben Bret Easton Ellis, Zadie Smith, Rainald Goetz und ihre Schreibtheorien einen größeren Platz im Roman als die Redaktion. Es geht Frömberg um die Frage: Wie kann man als Linker, als Pop-Liebhaber, als Mensch in diesem Kapitalismus bestehen, ohne verrückt zu werden? Und wie kann man schreiben, ohne darüber zu schreiben?

Heraus kommt dabei eine durchaus fesselnde Geschichte, Frömbergs Erzähler legt falsche Fährten, spielt die Protagonisten gegeneinander aus, wechselt rasch die Perspektiven und findet immer wieder eine Metaebene, wo wir keine erwarten. Das macht seinen Roman stark und lässt die paar Stellen vergessen, an denen etwa Blumfeld oder Tocotronic anstelle von Philosophen herhalten müssen oder Wehleidigkeit den guten alten Klassenhass vergessen machen soll. Förster ist, obschon auch manchmal zu verschnöselt, sehr liebenswert. Wie dieses Buch insgesamt. Ganz egal, ob man weiß, wer mit wem schlief, damals, oder eben nicht.

Wolfgang Frömberg "Spucke"
(Hablizel, 224 S., EUR 14,90)

UPDATE: Die Lesung von Wolfgang Frömberg vom 30.10.2009 im Rahmen von 1Live Klubbing gibt es hier als Podcast.

Mehr Infos unter www.hablizel-verlag.de



Lesungen mit Wolfgang Frömberg:

27.10.2009 Berlin, Monarch

29.10.2009 Köln, King Georg

30.10.2009 Köln, 1Live Salon (live in 1Live Klubbing ab 23 Uhr)

28.11.2009 Dresden Groove Station

04.12.2009 Bochum, Goldkante