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Robert Van Ackeren

Die Wirklichkeit dies- und jenseits der Schlafzimmertüren zeigte der Film "Deutschland privat" in den 80er-Jahren. Dem Regisseur ging es nicht einfach um einen neugierigen Blick durchs Schlüsselloch.
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Die Wirklichkeit dies- und jenseits der Schlafzimmertüren zeigte der Film "Deutschland privat" in den 80er-Jahren. Dem Regisseur ging es nicht einfach um einen neugierigen Blick durchs Schlüsselloch. Robert Van Ackeren nahm gefundenes Super-8-Material und konstruierte daraus den damaligen Status quo des alltäglichen und privatistischen Filmschaffens. Angesichts von YouTube und unzähliger Keller voller Filmmaterial im ganzen Land war es nun Zeit für eine abschließende Zeitreise. Dietmar Kammerer hat mit Robert Van Ackeren über den zweiten Teil seiner Super-8-Compilation gesprochen. Bye-bye, Kodachrome ...

Für Ihren Kompilationsfilm "Deutschland privat - Im Land der bunten Träume" haben Sie Amateurfilmer gebeten, ihre selbst gedrehten Werke einzusenden.
Seit mehr als 20 Jahren lege ich eine mittlerweile sehr umfangreiche Sammlung des Privatkinos an. In der professionellen Szene ist dieses Kino zu Unrecht völlig unterbewertet, obwohl es uns einen Blick auf unsere Wirklichkeit aus einer radikal subjektiven Perspektive gibt.
Man könnte sagen, dass Sie mit diesem Projekt etwas Ähnliches verfolgen wie ein Interviewer mit seinem Gesprächspartner. Sie wollen etwas über das Leben und die Wünsche dieser Leute erfahren.
Natürlich interessiert mich im Zusammenhang mit diesen Filmen alles, was für ihr Verständnis wichtig ist, die Geschichte ihrer Entstehung, die Hintergründe. Deshalb haben wir da, wo ein direkter Kontakt zu den Filmemachern möglich war, ausführliche Gespräche geführt.
Vor allem erfährt man etwas über den ästhetischen Eigensinn des Amateurfilms.
Das Super-8-Filmschaffen ist eine Art naives Kino. Die Amateure filmen das, was sie für filmenswert halten, in einer Weise, die in der Regel nicht durch professionelle und gestalterische Attitüden überformt ist.


Dennoch mühen sich viele durchaus an der herkömmlichen Filmsprache ab, mit wechselndem Erfolg.
Natürlich ist oft ein deutlicher gestalterischer Wille dahinter. Aber der bildet ja etwas anderes ab, als das im professionellen Kino der Fall ist. Im Grunde stellen diese Filme das unabhängigste Kino dar, das ich kenne. Darin liegt für mich sein Reiz, das führt zu diesen unverwechselbaren, teilweise auch bizarren oder pittoresken Resultaten.
"Deutschland privat - Im Land der bunten Träume" ist ein Nachfolgeprojekt. Bereits 1980 haben Sie einen ersten Teil von "Deutschland privat" vorgelegt. Was hat sich zwischen diesen beiden Teilen verändert?
Der erste Teil stellte eine Momentaufnahme des Privatkinos der 70er-Jahre dar. In Abgrenzung dazu ist die neue Zusammenstellung ein Filmalbum aus fünf Jahrzehnten. Eher eine Art Zeitreise in die Vergangenheit und vor allem in eine Filmform, die es heute nicht mehr gibt.Weil Kodak die Produktion und Entwicklung des Super-8-Films eingestellt hat.
Mit dem Kodakchrome 40 haben praktisch alle Amateure gearbeitet. Jetzt ist der Super-8-Film ein untergehendes Kulturgut. Im Verborgenen, in Kellern und auf Dachböden lagern unzählige Super-8-Filme - quasi eine endlose private Filmrolle, die dem Verfall preisgegeben ist. Was ich sehr bedaure, ist, dass die Kinematheken das private Filmschaffen nicht als Teil der Kinematografie wahrnehmen wollen. Wenn da nichts passiert, bleibt das ein Schatz, der nicht gehoben worden ist.
"Alle Macht der Super 8", lautete der Kampfruf der Hobbyfilmer-Szene. Die knallgelbe Schachtel, die den Film einschloss, war ihr Erkennungszeichen.
Ich finde es geradezu unheimlich, dass so ein Filmgenre untergehen kann. Diesen speziellen Blick auf unsere Wirklichkeit können andere Filmgenres ja gar nicht liefern. "Deutschland privat - Im Land der bunten Träume" ist mein Versuch, dem Privatkino ein letztes Denkmal zu setzen.
Wie wurde "Deutschland privat", erster Teil, damals aufgenommen?
Anfangs wurden wir für unser Interesse am Privatkino belächelt, aber der Film lief dann sehr erfolgreich. Es gab eine ganze Reihe von Nachahmerprojekten. Retrospektiv gesehen, haben wir damals mit dem Projekt den "user generated content" erfunden.
Was heute das Internet übernommen hat. Auf YouTube stellen heute Tausende Hobbyfilmer ihre private Perspektive und sich selbst zur Schau.
Die meisten Amateurfilmer haben ein starkes Bedürfnis nach Selbstdarstellung, das ist Bestandteil dieser Art des Filmemachens. Aber "Deutschland privat - Im Land der bunten Träume" ist ein reines Filmprojekt, darin unterscheidet es sich von seinem technischen Nachfolger Video. Ein Super-8-Filmer musste sich sehr genau überlegen, was er filmt. Beim Videofilm kostet das Material nichts mehr. Es wird einfach draufgehalten. Entsprechend sieht das Ergebnis dann aus. Die Privatvideos nach dem Super-8-Film sind langweiliger und beliebiger geworden.
Viele der Filme, die Sie gesammelt haben, gehen über die Privatsphäre hinaus und sind eigentlich Blicke durchs Schlafzimmer-Schlüsselloch.
Beim Sammeln des Materials haben wir eine überraschende Erfahrung gemacht: Unvermutet viele Amateure haben kein Problem damit, uns ihre erotischen und pornografischen Momente zur Verfügung zu stellen. Sie sehen da keine Abgrenzung, was ihr Leben betrifft, und filmen ihre Reisen mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie ihre Bettszenen. Die Wirklichkeit hört an der Schlafzimmertür schließlich nicht auf.
Nach welchen Kriterien wählen Sie die Filme aus? Was würden Sie auf keinen Fall zeigen?
Ausschlusskriterien hatten wir nur eines: Alles, was unserer Einschätzung nach durchschnittlich und austauschbar ist, wollten wir nicht berücksichtigen.
Der Film verschweigt nicht die extreme Seite des Privatlebens, unter anderem sehen wir Saufgelage, expliziten Sex sowie Männer, die noch bei Mutti leben und ihre exotischen Ehefrauen aus dem Katalog bestellen. Was will die Zusammenstellung sein? Eine bitterböse Satire? Eine Entlarvung?
Mich interessieren diese Filme in erster Linie als Dokumente. Ich habe ein völlig direktes Verhältnis zu ihnen, weil sie etwas mit unserer Wirklichkeit zu tun haben, das man nicht unterdrücken sollte. Das führt unvermeidlich dazu, dass Filme dabei sind, die möglicherweise schockieren. Unserem Gesellschaftsbild wird eine Facette hinzugefügt, die eben auch dazugehört.
Es wird Ihnen von mancher Seite der Vorwurf gemacht, die Amateurfilmer bloßzustellen.
Das sind erwachsene Menschen. Ich wüsste nicht, warum man die vor sich selbst bewahren müsste. Man muss ihre Entscheidung, etwas von sich öffentlich zu zeigen, respektieren. Das sind im Übrigen dieselben Menschen, die die politischen Belange unseres Landes über Wahlen mitbestimmen. Wie sollte man da sagen, das seien Leute, die nicht wissen, was sie tun.
Auf mich jedenfalls wirkte gerade der letzte, ganz dem Privatporno gewidmete Abschnitt mitunter schwer erträglich.
Der Erotik- und Pornografiesektor macht einen großen Teil des privaten Filmschaffens aus. Erotik und Sex haben das Kino und auch die Fotografie immer schon begleitet. Es waren oft die sexuellen Inhalte, die dazu beigetragen haben, dass sich ein Medium rasch durchsetzen und populär werden konnte. Anders als der professionelle Pornofilm zielt der private Sexfilm nicht auf die Stimulation des Betrachters ab, sondern zeigt sexuelle Handlungen als Teil unseres Lebens. Daher berühren uns diese Filme auch in einer ganz anderen Weise.