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USA 2005

Rize – Uns Hält Nichts Auf!

R: David LaChapelle; D: Tommy The Clown, Lil Tommy, Larry, Lil C; Rapid Eye Movies "If you look like having bozo spams, you're doing it right", erklärt der Typ mit der Regenbogen-farbenen Afro-Perücke und der Clown-Schminke im baggy Jumpsuit. Tommy The Clown a.k.a. "The HipHop Dancing Clown" ist ei
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Autor: Vina Yun

R: David LaChapelle; D: Tommy The Clown, Lil Tommy, Larry, Lil C; Rapid Eye Movies

"If you look like having bozo spams, you're doing it right", erklärt der Typ mit der Regenbogen-farbenen Afro-Perücke und der Clown-Schminke im baggy Jumpsuit. Tommy The Clown a.k.a. "The HipHop Dancing Clown" ist einer der ProtagonistInnen in David LaChapelles Dokumentarfilm "Rize", der einen neuen Tanzstil aus den Hoods in Los Angeles dokumentiert: "Clowning" bzw. "Krumping". Da wirbeln Frauen ihre Arme und Beine im halsbrecherischen Tempo durch die Luft, machen zuckende Männerkörper einen auf durchgedrehten Macho-Stripper-Dance, shaken heavy-sized "Big Boys" nicht nur Bäuche, sondern auch Booties, während sich preteen Girls - oder "Little Mamas", wie sie genannt werden - in akrobatische Energiebündel verwandeln. In den mitreißenden Battles treten die mittlerweile zahlreichen Crews unter dem Getöse voll besetzter Arenen gegeneinander an. Gleich einer patriarchalen Vaterfigur steht Tommy The Clown als "Ghetto Celebrity" an der Spitze der Clowning-Gruppen, gibt in seiner "Tommy The Clown's HipHop Dancing Academy" gratis Tanzunterricht und sieht im Tanzen nicht bloßes Entertainment, sondern vor allem ein Aggressionsventil im Armenviertel von South Central: "It's either gangs or clowns."

Leider ist gerade die Erläuterung der gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sich neue Urban Dance Movements entwickeln, eine der größten Schwachstellen bei Regisseur David LaChapelle, der vor allem als Werbe- und Modefotograf sowie als Musikvideo-Regisseur (von Britney Spears bis Moby) bekannt geworden ist. Der Hinweis auf die Watts-Riots Mitte der 1960er-Jahre sowie die Aufstände in Folge des Rodney-King-Prozesses 1992 zu Filmbeginn sowie das Martin-Luther-King-Zitat zu Filmende erheben zwar den Anspruch, kulturelle Phänomene wie urbane Tanzstile auch in ihrem sozialen und politischen Kontext zu begreifen, doch hier scheitert LaChapelle. Angesichts der - real existierenden - rassistischen Ausgrenzung, Armut und Gewalt reduziert der Regisseur das Tanzen zur pädagogisch wertvollen Alternative zu Drogenkriminalität und Drive-by-Shootings: Tanz als Überwindung des persönlichen Elends, als Ticket für den individuellen sozialen Aufstieg. Wichtigstes und erstes Kapital ist der Körper - und davon gibt es bei LaChapelle jede Menge: geölte, glänzende, schwarze Hard-Bodies, die vom Regisseur effektvoll vor einem leuchtenden Hintergrund in Szene gesetzt werden. In hartem Gegensatz zur glossy Videoclip-Ästhetik stehen die um Authentizität bemühten Interviews und Portraits der Krumps und Clowns, die der Regisseur mit seiner Filmcrew über zwei Jahre lang begleitete. Natürlichkeit und Echtheit spielen auch in LaChapelles vermeintlicher "Rekonstruktion" einer historischen Tradition eine unglückliche Rolle, wenn er eine Krump-Session in L.A. in direkten Vergleich mit rituellen Tänzen des Nuba-Stammes im Sudan stellt - noch dazu handelt es sich bei den Bildern der "edlen Wilden" in Afrika um Filmaufnahmen von Leni Riefenstahl.