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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Panzerknacker

Release

Knäste stellen in jeder Gesellschaft neuralgische Punkte dar. So vereinzelt Inhaftierte sich mitunter dort fühlen mögen, so heiß umkämpft ist der Maßregel-Raum Knast durch die unterschiedlichsten Interessengruppen. Es geht im Großen um Hehres wie Resozialisierung, Solidarisierung, Politisierung - ab
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Knäste stellen in jeder Gesellschaft neuralgische Punkte dar. So vereinzelt Inhaftierte sich mitunter dort fühlen mögen, so heiß umkämpft ist der Maßregel-Raum Knast durch die unterschiedlichsten Interessengruppen. Es geht im Großen um Hehres wie Resozialisierung, Solidarisierung, Politisierung - aber im Kleinen auch um Rache, Erniedrigung und um das Bestehen des Individuums in einer verdichteten und schonungslosen Indoor-Version des alltäglichen Lebenskampfes. Schneider TM war letztes Jahr im Knast - zusammen mit dem Hörspielproduzenten Paul Plamper. Nicht verurteilt, sondern im Rahmen eines Projektes. Plamper hatte den blonden Indietronics-Szenehengst und viel gebuchten Soundtüftler ins Boot geholt, bei seinem Projekt "Release" die Rolle des musikalischen Leiters zu besetzen. Idee: In Knäste gehen, über Musik Leute, Austausch und Leben finden. Schneider lieferte Know-how und Technik, Plamper dokumentierte den Prozess, die Diskussionen auf Band, sodass ein Doku-Hörspiel für den WDR über die Aktion entstehen konnte.

Die Fallstricke solch ambitionierter Arbeit waren beiden bewusst, die eigenen Maßgaben daher besonders wichtig: kein Sozialporno. So unsentimental und offen wie möglich Verbindungen herstellen. Nicht leicht. Schneider erzählt, wie sie zuerst bei Gefängnisbesuchen auf Knastbands trafen, die Onkelz oder Rammstein coverten. Echte Authentizität ist eben oft ganz besonders unbefriedigend. Letztlich kamen die beiden mit einer Hand voll Jugendlichen zusammen. Die Sprache, mit der sich via Tapes zellenübergreifend verständigt wurde, war HipHop. Texte wurden sich wie Kassiber vom Frauenknast Berlin-Lichtenberg zur JVA Plötzensee zugeschoben, von Mogli, der Punkerin und verurteilten 1.Mai-Steinwerferin, zu MV Egon, dem Gewalttäter und Sido-Kumpel aus dem Märkischen Viertel. Dass das Hörspiel funktionieren würde, stand schnell fest. Dann entbrannte aber der Ehrgeiz, auch ein paar projektübergreifend gute Songs rauszuholen. Gelang. Mit "Wahrheit Vs. Lüge" hat man sogar einen kapitalen Hit (inkl. Julia-Hummer-Feature) basteln können. Der Song findet sich (plus vier weitere) auf der Doppel-CD zu der Aktion. Des Weiteren enthalten: zwei Clips und das Hörspiel sowie skurrile, bisweilen gar spaßige Outtakes.