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Jede Kindheit muss ein Ende haben

Regisseurin Greta Gerwig über »Lady Bird«

In »Lady Bird« erzählt Regisseurin Greta Gerwig die Geschichte eines schmerzhaften Abschieds aus dem Elternhaus – und heimste fünf Oscar-Nominierungen ein. Patrick Heidmann sprach mit Gerwig über die autobiografischen Hintergründe der Coming-of-Age-Story und über Hauptdarstellerin Saoirse Ronan.

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Aus deiner eher kleinen und sehr persönlichen Regiearbeit »Lady Bird« wurde ein Phänomen, das in den USA 50 Millionen Dollar eingespielt hat. Hat dich das erstaunt?
Die Ereignisse seit der Weltpremiere im September 2017 übertreffen meine wildesten Träume. Natürlich hofft man immer, dass die eigene Arbeit gut ankommt, zumal, wenn man selbst von ihr überzeugt ist. Dennoch wurde ich in diesem Fall wirklich überrascht. Was mich am meisten begeisterte, waren keine Zahlen oder Nominierungen, sondern Gespräche mit Menschen, die mein Film berührt hat. Es gibt nichts Schöneres für mich, als wenn mir jemand erzählt: »Ich kannte Sacramento gar nicht. Doch ich kenne Orte, die so sind wie Sacramento im Film, ich kenne diese zwischenmenschlichen Dynamiken, von denen die Geschichte handelt, und ich kenne die Gefühle, die auch die Figuren empfinden.« Dass viele Leute einen persönlichen Bezug zu »Lady Bird« haben, obwohl die Geschichte sehr spezifisch ist, macht mich sehr glücklich.

Du stammst aus Sacramento und bist, genau wie deine Hauptfigur, zum Studium nach New York gegangen. Wie autobiografisch ist die Story?
Lass es mich so sagen: Lady Bird ist das Gegenteil von dem, wie ich als Jugendliche war. Ich habe nie darauf bestanden, dass mich jemand bei einem selbst gewählten Namen nennt. Und meine Haare habe ich mir auch nie knallrot gefärbt. Ich war eher jemand, der anderen gefallen wollte und Regeln immer brav befolgte. Ihr fast bedingungsloses Selbstbewusstsein – davon war ich weit entfernt. Insofern ist Lady Bird für mich, die ich tatsächlich auch in Sacramento aufgewachsen bin und dort wie sie auf eine katholische Mädchenschule ging, eher so etwas wie eine Wunscherfüllung. Sie ist so, wie ich gerne gewesen wäre.

Wie persönlich ist die Darstellung der Mutter/Tochter-Beziehung, die im Zentrum des Films steht?
Meine Mutter ist ganz anders als die Mutter im Film. Aber das macht diese Figur nicht weniger wahrhaftig. Ich glaube, gerade die Beziehung zwischen Lady Bird und ihrer Mom ist etwas, mit dem sich viele Zuschauerinnen identifizieren können. Ich bin mir sicher, dass Sie jede Frau auf der Straße nach dem Verhältnis zu ihrer Mutter fragen können und stets eine Antwort bekommen, die länger ist als nur ein einziger Satz. Mütter und Töchter – das ist immer eine komplexe, nuancierte und wunderschöne Sache, und genau diesen Facettenreichtum wollte ich zeigen. Denn viel zu oft sind Mütter im Kino entweder Monster oder Engel. Es sind selten echte menschliche Wesen, die ihr Bestes versuchen und aller Liebe zum Trotz dennoch Fehler machen.

Im Film sagt Marion zu ihrer Tochter Lady Bird, sie wünsche sich, dass sie die beste Version ihrer selbst werde. Würdest du sagen, dass es dir selbst inzwischen gelungen ist?
In diesem Moment bin ich sicher nicht die beste Version meiner selbst. Dazu bin ich viel zu müde vom Jetlag [lacht]. Aber ich würde tatsächlich sagen, dass ich als Regisseurin die beste Version meiner selbst bin. Wenn ich am Set bin und mit den Schauspielern und der Crew zusammenarbeite, werde ich zu mehr als der Summe meiner Teile. Die kollaborative Natur des Filmemachens ist etwas, das aus mir das Beste herauszuholen scheint.

Wie würdest du dich als Regisseurin charakterisieren?
Ich bin sehr spezifisch und weiß bis ins Detail, was ich will. Schon bei den Drehbüchern, die ich mit Noah Baumbach geschrieben habe, war es so: Jeder Dialog war bis ins Kleinste ausgearbeitet, und mit diesem Skript wurde dann am Set gearbeitet. Das habe ich bei »Lady Bird« auch so gemacht. Ich mag die Dialoge, die ich schreibe, zu sehr, um sie leichtfertig über Bord zu werfen. Andererseits freue ich mich, wenn mich meine Schauspieler überraschen. Mir ist es wichtig, dass sie nicht bloß eine Rolle spielen, sondern wirklich dreidimensionale Figuren erschaffen. Deswegen bin ich ein großer Fan von Proben. Überhaupt ist Vorbereitung für mich das Wichtigste, auch, was die Zusammenarbeit in Sachen Kamera, Kostüme oder Ausstattung angeht. Ich kann im Vorfeld gar nicht genug Zeit mit meinem Team verbringen, um eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Denn wenn die Kameras einmal laufen, dreht sich alles darum, keine Drehtage zu verschwenden. Also muss die Vision vorher entworfen sein.

Gibt es trotzdem Momente der Frustration?
Sicher. Allerdings habe ich in meinem Leben als Schauspielerin schon genug Zeit an Filmsets verbracht, um zu wissen, was mich beim Drehen wütend machen kann. Deswegen habe ich mir größte Mühe gegeben, nur Leute um mich zu versammeln, mit denen ich auch wirklich wochenlang 14 Stunden am Tag verbringen will. Außerdem legt man natürlich gewisse Grundregeln fest. Und zwar von Anfang an, nicht erst im Laufe des Drehs, damit man nicht plötzlich als unberechenbarer Choleriker dasteht.

Welche Grundregeln galten bei dir?
Smartphones sind am Set verboten, denn die lenken unglaublich ab. Für einen Schauspieler, der sich gerade konzentrieren will, gibt es nichts Nervigeres, als ständig fünf Leute im Blickfeld zu haben, die mal wieder ihren Instagram-Account checken, weil sie gerade sonst nichts zu tun haben. Aber das Wichtigste ist tatsächlich die Auswahl des Teams. Menschen um sich zu haben, mit denen man eine Wellenlänge hat und die wissen, was sie tun – das ist die halbe Miete.

Du warst schon in der Mumblecore-Szene als Schauspielerin in die Arbeit hinter der Kamera involviert. Wie sehr beeinflussen diese Erfahrungen deine jetzige Arbeit?
Ich habe mit Joe Swanberg sowie Mark und Jay Duplass zusammengearbeitet, auch Andrew Bujalski oder die Safdie-Brüder gehörten dazu. Unsere Filme waren höchst unterschiedlich, aber sie hatten diesen DIY-Spirit gemein. Und die winzigen Budgets. Jeder musste alles machen und mit anpacken. Wir haben uns ausprobiert und experimentiert, niemand setzte uns unter Druck oder erwartete Perfektion. Eine unglaublich befreiende Erfahrung! Ich habe mich zwar selbst vom improvisatorischen Ansatz verabschiedet, als Schauspielerin und als Regisseurin. Nicht zuletzt, weil meine Liebe zum Theater und zum geschriebenen Wort mich doch zu sehr prägt. Aber damals lernte ich, wie man einen Film konstruiert.

Wie bist du auf Saoirse Ronan als Lady-Bird-Darstellerin gestoßen?
Ich habe ganz normal gecastet, und tatsächlich dauerte es eine Weile, bis ich meine Lady Bird gefunden hatte. Dass Saoirse die perfekte Wahl war, wurde mir klar, als wir uns 2015 beim Filmfestival in Toronto trafen und in ihrem Hotelzimmer gemeinsam das Drehbuch lasen. Plötzlich erwachte diese Figur zum Leben, die bis dahin nur in meiner Vorstellung beziehungsweise meinen Worten existiert hatte. Ich war unglaublich begeistert von ihrer Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit – und bin es heute noch. Es erstaunt mich ungemein, dass Saoirse so jung ist. Auf gewisse Weise wirkt sie, als habe sie schon mehrere Leben hinter sich.

Der Film beginnt mit einem Zitat der Schriftstellerin Joan Didion, die ebenfalls aus Sacramento stammt. Was bedeutet sie dir?
Sie war die erste Person, deren Texte ich als Teenager las und danach dachte, ich könne vielleicht selbst Autorin werden. Zuvor hatte ich überwiegend Literatur von Männern gelesen, die aus vollkommen anderen Lebensumständen stammten. Deswegen hatte ich lange Zeit das Gefühl, irgendwie nicht das richtige Geschlecht zu haben oder am falschen Ort zu leben. Deswegen war Didions erster Roman »Menschen am Fluß« so ein Erweckungserlebnis für mich. Ich kannte diese Frauen, diese Orte, dieses Leben, diese Sprache.

Konntest du es ähnlich wie Lady Bird nicht erwarten, Sacramento hinter dir zu lassen?
Nein, ich mochte die Stadt eigentlich immer schon. Aber ich hatte auch nie Zweifel daran, dass ich sie irgendwann verlassen würde. Selbst als ich jung war, hatte ich ein Gespür für das Vergehen der Zeit und dafür, dass alles mal zu Ende geht. So, als würde man die eigenen Erfahrungen schon in genau dem Moment von außen betrachten und einordnen, in dem man sie macht. Joan Didion schrieb in einem ihrer Essays, dass alle, die Tage- oder Notizbücher führen, mit einer Vorahnung von Verlust geboren sind. Ich glaube, dass das zumindest in meinem Fall stimmt. Schon mit sieben Jahren war mir klar, dass ich gerade in meiner Kindheit stecke, deren Ende abzusehen ist.

— »Lady Bird« (USA 2017; R: Greta Gerwig; D: Saoirse Ronan, Laurie Metcalf, Tracy Letts, Timothée Chalamet; Universal; Kinostart: 19.04.18)

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