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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Anti-Dogma

Reconstruction

»Mit ›Reconstruction‹ wollte ich das Unmögliche: einen Liebesfilm machen. Denn in diesem Genre ist alles schon so oft gesagt und getan worden, dass allein der Gedanke an einen Liebesfilm eine erdrückende Flut von Klischees auf den Plan ruft. Mein Film ist der Versuch, all diese Elemente so zu br
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»Mit ›Reconstruction‹ wollte ich das Unmögliche: einen Liebesfilm machen. Denn in diesem Genre ist alles schon so oft gesagt und getan worden, dass allein der Gedanke an einen Liebesfilm eine erdrückende Flut von Klischees auf den Plan ruft. Mein Film ist der Versuch, all diese Elemente so zu bringen, als wäre es das erste Mal, und gleichzeitig mit abgeklärter Distanz auf die Unmöglichkeit dieses unschuldigen Blicks zu verweisen. Wir wissen zwar, dass das völlig unverbildete Bestaunen der gemeinsamen ersten Zigarette, des ersten Kusses nicht mehr möglich ist, und trotzdem wünschen wir uns nichts mehr, als diese Szenen so zu betrachten, als wäre das alles neu.«
Der dänische Jungregisseur Christoffer Boe, der für seinen ersten Langspielfilm ›Reconstruction‹ 2003 in Cannes die Caméra d’Or einsacken durfte, guckt unter ernsthaft gerunzelter Stirn und smarter Hornbrille fahrig durch das schnieke Hotelzimmer, als er die Essenz seines Films in wenige Sätze für mich zusammenpackt. Und ich habe dabei das Gefühl, dass er damit auch seine eigene, deutlich spürbare Leidenschaft fürs Kino, die von seiner Intellektualität gleichermaßen torpediert und gestützt wird, beschreibt: Alles war schon da, man kennt jede Geste und deren Funktionalität, und wünscht sich trotzdem brennend: Ergreif mich, als wär’s das erste Mal.
In ›Reconstruction‹, exquisit fotografiert im makellosen Kopenhagen und in dem skandinavisch durchdesignten, eiskühl stylishen Kopenhagen Airport Hilton Hotel, spielt daher auch die Wiederholung, Inszenierung und Reflexion von Leidenschaft die Hauptrolle. Der Film hat einen auktorialen Erzähler, der auch als Protagonist auftaucht, und ist in viele kleine Puzzleteile zersägt, die während des Verlaufs immer wieder neu durcheinander geschüttelt werden, ohne einer bestimmten Kausalität oder Chronologie den Vorrang zu geben.
Alex lernt die schöne Aimée kennen, für die er seine bodenständige Freundin Simone erklärungslos verlässt. Aimée wiederum ist mit dem älteren Schriftsteller August liiert, dem Erzähler, der gerade an einem Liebesroman arbeitet. Nachdem Alex eine Nacht mit Aimée verbracht hat und beschließt, mit ihr nach Rom zu gehen, erkennen ihn weder Simone noch seine Freunde wieder, und auch die Tür zu seiner Wohnung ist auf einmal verschwunden. Als Alex Aimée wieder trifft und sie ihm mit seinem Feuerzeug, das er ihr nach der Liebesnacht geschenkt hat, Feuer gibt, reagiert auch sie, als sähe sie ihn zum ersten Mal.
Nicht nur den schwärmerischen Liebes-Topos vom »den/die andere/n erkennen, der Welt dabei fremd werden« spielt Boe hier aus, sondern er legt auch noch einen ironischen Kommentar zur filmischen Konstruktion männlichen Begehrens auf den Tisch: Simone und Aimée werden von derselben Schauspielerin (Maria Bonnevie) gespielt. »Dieses klassische Doppelgänger-Motiv, das in romantischen Zusammenhängen immer weiblich konnotiert ist, sagt natürlich eine Menge über Projektionen und Voyeurismus in einem immer noch sehr stark vom männlichen Blick geprägten Kino«, findet Boe.

Während die überstilisierte, distanziert-formale Sicht auf die quasi austauschbaren Archetypen in einem Film über einen Liebesfilm die Identifikation mit den ProtagonistInnen eigentlich unmöglich macht, ist es Regisseur und SchauspielerInnen wichtig gewesen, trotzdem ein Gefühl der Nähe und Zärtlichkeit zwischen den Liebenden zu evozieren: Wir wissen im Schlaf, wie das alte Lied geht, und trotzdem ist alles in genau diesem Moment neu. Boe garniert diese Gratwanderung, die durch den harten Kontrast von intimen Szenen mit kalt-analytischen Satellitenbildern verbildlicht wird, mit preziös-surrealistischen Einsprengseln wie schwebenden Zigaretten, mysteriös geflüsterten Sätzen, verschiedenen Farbmodi und verhuschter Videoclip-Ästhetik, was sicherlich zum überartsy Gesamteindruck beiträgt. Dieser spaltet die RezipientInnen: Kritische Stimmen sprechen von einer blutleeren Fingerübung eines Filmhochschul-Absolventen – ein Internet-Kritiker ließ sich sogar dazu hinreißen, den Film hämisch als eine in die Länge gezogene Parfumwerbung zu schmähen. Andere bejubeln eine grandiose Wiederbelebung des extrem formalistischen französischen Nouveau Roman und feiern Boe als Wiedergänger Alain Robbe-Grillets mit seinem hochartifiziellen ›L’Année Dernière À Marienbad‹
Auf die Frage, ob sein Film mit seinen ausgefeilten Inszenierungen und all seiner prachtvollen Künstlichkeit nun ein Gegenprogramm zu den dogmatischen »Vows Of Chastity« sei, windet Boe sich höflich und gibt zu bedenken, dass die Dogma-Filme ein großes Spotlight auf das dänische Kino geworfen und damit auch eine Menge Geld ins Land gespült hätten. »Aber letztlich machen die Dogma-Leute doch nichts, was Godard nicht schon in den 60ern gemacht hatte – und zwar besser.« Deutlicher wird da Nikolaj Lie Kaas, der im Film Alex spielt und – die dänische Szene ist klein – mal mit Raveonettes-Sängerin Sharin Foo liiert war: »Ich habe zwar in einigen Dogma-Filmen mitgespielt, weil sie gute Skripts hatten. Aber mal ehrlich: Eigentlich ist Dogma doch totaler Quatsch.«

Nouveau Roman
Als Nouveau Roman wird eine extrem formalistische Strömung in der französischen Literatur der 50er- und frühen 60er-Jahre bezeichnet, die die Schaffung von Illusionen, Plots und psychologisch vielschichtigen Charakteren dekonstruieren und, laut Jean Ricardou, das »Schreiben eines Abenteuers« durch das »Abenteuer des Schreibens« ersetzen wollte. Als prominenteste VertreterInnen gelten Marguerite Duras, Michel Butor, Nathalie Sarraute und Alain Robbe-Grillet, der u. a., auf Einladung von Regisseur Alain Resnais, das Drehbuch zu ›L’Année Dernière À Marienbad‹ (1960) verfasste.

Reconstruction
DK 2003
R: Christoffer Boe; D: Nikolaj Lie Kaas, Maria Bonnevie, Krister Henriksson