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Weniger Ich, mehr Hass

Rainald Goetz

Nach "Abfall für alle" erscheint auch der zweite Blog von Rainald Goetz in Buchform. Seine "Klage" auf der Website von Vanity Fair bot experimentelle Schreibweisen ...
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Nach "Abfall für alle" erscheint auch der zweite Blog von Rainald Goetz in Buchform. Seine "Klage" auf der Website von Vanity Fair bot experimentelle Schreibweisen, erstaunliche Beobachtungen, deftige Beleidigungen, Kunst und Kokolores. Pascal Jurt kommentiert.

In "DJ Culture" präsentierte Ulf Poschardt ein Kapitel zu Rainald Goetz. Mit einem Foto, das Goetz als Kofferträger von Sven Väth zeigte. Zehn Jahre später treiben Poschardt sowohl das Phantasma einer imaginierten linken Hegemonie als auch die Promi-Welt mehr um denn DJ-Pult und Literatur. Seine Politisierung führte ihn zur FDP und als Chefredakteur von Vanity Fair an den vermeintlichen Pol der Macht. In seiner Lifestyle-Postille verkündete er im Februar 2007: "Vanity Fair präsentiert Rainald Goetz." Poschardt wurde nach zwölf Monaten im Januar 2008 als Chefredakteur abberufen. Goetz, der seit sieben Jahren keinen Roman mehr geschrieben hat, bloggte unter dem Titel "Klage" bis Juni 2008 weiter.

Nun sind die Notizen in Buchform erschienen, wie sein bereits 1998 veröffentlichter "Abfall für alle", der damals noch Internet-Tagebuch genannt wurde. Auf der Website der deutschen Vanity Fair durfte der literarische Hochenergetiker wieder das kulturelle bzw. politische Feld und deren Akteure kommentieren, protokollieren, (be-) klatschen - und vor allem passioniert hassen. Obwohl Goetz immer wieder zu erstaunlichen Beobachtungen und Verbalinjurien kommt - er sieht etwa Jochen Distelmeyer als Reinkarnation eines Udo Jürgens, denunziert Journalisten als "Schleimemphatiker" und geduckte "Ranwanzer", entlarvt Joachim Lottmann als Deppen, identifiziert Daniel Kehlmann mit seinen "textfreien Büchern" als Vertreter der "gehobenen Angestelltenkultur" und stellt auch die richtigen Fragen ("Wie kommt es eigentlich, dass Reichtum so stark verblödet?") -, kann die Buchform den Effekt der täglichen Lektüre nicht ersetzen. Dafür folgt "Klage" aber weniger der konventionellen Blog- und Tagebuch-Narration und variiert verschiedene Schreib- und Erzähltechniken (Goetz parodiert zum Teil seine eigene apodiktische Schreibweise), knüpft an literarische Traditionen an und legt sich mehrere Figuren zu, um der Ich-Form zu entgehen. Spannend wird "Klage", wenn Goetz sich mit quasi juridischen oder politischen Problematiken auseinandersetzt. Anhand der Fälle Florian Havemann und Maxim Biller beschäftigt er sich mit der Frage, wer wann und wo worüber reden darf. Goetz' Beobachtungen von der Besuchertribüne im Deutschen Bundestag und seine Analyse des Kurnaz-Untersuchungsausschusses lassen hoffen, dass er jetzt endlich den Roman über das deutsche politische Feld schreibt.

Rainald Goetz "Klage" (Suhrkamp, 428 S., EUR 22,80)