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Stereo / Crimes Of The Future

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Die DVD-Schwemme bringt eine ähnliche Entwicklung mit sich wie der Boom um das neue Medium CD in den 1980er-Jahren: Erst wurde der Markt satt mit Mainstream eingedeckt, dann begannen in den Nischen zarte Pflanzen zu keimen, die ohne das neue Medium wohl kaum jemals wieder das Licht der Welt erblickt
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Die DVD-Schwemme bringt eine ähnliche Entwicklung mit sich wie der Boom um das neue Medium CD in den 1980er-Jahren: Erst wurde der Markt satt mit Mainstream eingedeckt, dann begannen in den Nischen zarte Pflanzen zu keimen, die ohne das neue Medium wohl kaum jemals wieder das Licht der Welt erblickt hätten. Eine solche Nische bedient derzeit die Hagener Firma projekt b mit einer Reihe von Filmen, die es hierzulande wohl selbst in Programmkinos schwer haben dürften. Die Mischung aus Experiment und Diskurs, Science-Fiction und Technologie-Kritik bildet den roten Faden der ersten drei Veröffentlichungen der Reihe, die gleich mit einer sensationellen Entdeckung aufwartet: “Stereo / Crimes Of The Future” präsentiert das Frühwerk von David Cronenberg, zwei je einstündige Arbeiten, die bereits das gesamte Themenspektrum seiner späteren Filme enthalten. Umgesetzt wurde dies jedoch noch ganz im Stil des ebenso strengen wie surreal verwirrenden Experimentalkinos der 1960er-Jahre.

In “Stereo” unterziehen sich sieben Menschen einer Hirnoperation, die zwar ihr Sprachzentrum zerstört, dafür jedoch eine telepathische Kommunikation ermöglicht, die für ganz neue libidinöse Erfahrungen sorgt. Der Film spielt – wohl nicht zuletzt aus Kostengründen – ausschließlich auf dem Gelände eines modernen Betontrakts, der Krankenhaus, Anstalt oder auch Universitätsgelände sein könnte. Eindringlich hält die Kamera die oft menschenleeren Hallen fest und verleiht dem morbiden Setting etwas Sakrales. Cronenberg lässt die Laboratorien der Wissenschaft wie Kathedralen wirken. Die Anstalt als geschlossenes System findet sich auch in “Crimes Of The Future” wieder, einer Klinik, die fast leer steht, nachdem ihr ehemaliger Leiter dort ein tödliches Kosmetikum entwickelt hatte. Verblieben ist ein ehemaliger Kollege, an dessen Körper funktionslose Organe wachsen, und eine Gruppe von Pädophilen, die ein junges Mädchen auf das Gelände entführt haben, um es zu befruchten. Die Beschreibung der Handlung kann allerdings nur vage wiedergeben, wie effektvoll Cronenberg hier mit nur geringem Budget zwei verwirrende Angst-Szenarien gedreht hat, die sich wie ein filmisches Abbild von Foucaults Medizin- und Psychiatrie-Kritik lesen.

“The Atrocity Exhibition” von Jonathan Weiss, Verfilmung eines Romans von J.G. Ballard (dessen “Crash” bereits Cronenberg verfilmt hatte), schließt daran nahtlos an: Der Film um einen wahnsinnigen Arzt, der den dritten Weltkrieg vorbereitet, reflektiert das Zusammenspiel aus Wissenschaft, Macht, Sexualität und Todestrieb, während Mark Neals Dokumentarfilm “No Maps For These Territories” den Schriftsteller William Gibson darüber philosophieren lässt, wie die modernen Technologien unsere Weltwahrnehmung verändert haben. Das alles passt wunderbar ins Freud-Jubiläum und ist außerdem eine hervorragende visuelle Ergänzung der Merve-Bände im Bücherregal.