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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Arbeit für alle

Project Entropia

Neverdies hat eine der besten Handfeuerwaffen. Davon gibt es insgesamt nur drei Exemplare. Er besitzt ein großes Haus mit schickem Interieur, eine Menge fruchtbares Land und hippe Klamotten samt Accessoires. Zurzeit baut er fleißig und voller Hingabe an seinem Spaceshuttle, mit dem er bald zusamme
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Neverdies hat eine der besten Handfeuerwaffen. Davon gibt es insgesamt nur drei Exemplare. Er besitzt ein großes Haus mit schickem Interieur, eine Menge fruchtbares Land und hippe Klamotten samt Accessoires. Zurzeit baut er fleißig und voller Hingabe an seinem Spaceshuttle, mit dem er bald zusammen mit seiner Freundin Island Girl die ersten Ausflüge auf dem Planeten Calypso unternehmen wird. Für Island Girls Klamotten hat er im letzten Jahr virtuell übrigens mehr Geld ausgegeben als in der Realität. Doch diese Unterscheidung nimmt Neverdies, einer der Pioniere von ›Project Entropia‹, eigentlich nicht mehr vor. »In twenty years’ time, you might say to a twenty-year-old that MMORPGs (Massive Multiplayer Online Role Playing Games) are just games and the twenty-year-old may not be able to comprehend how something so integral to his survival, social development and future could be called a game. To him, the MMORPG environment is entirely real.«

Mittlerweile haben sich nach Angaben der schwedischen Entwicklerfirma MinDark, die nach Gerüchten bereits mehr als 30 Mio. Dollar in das seit 1995 bestehende Unternehmen ›Project Entropia‹ investiert hat, weltweit mehr als 130.000 reale Personen dieser virtuellen Welt angeschlossen. Die Tendenz ist, glaubt man den Erfindern, stetig steigend. Der Plot von ›Project Entropia‹ ist so einfach wie klassisch: In 1000 Jahren entdeckt die Menschheit einen neuen Planeten und nennt ihn Calypso. Man entsendet Roboter und Maschinen, um aus dem wilden, von gefährlichen, Dinosaurier-ähnlichen Tieren bevölkerten und Rohstoff-reichen Planeten eine für Menschen passable Umgebung zu zaubern. Nachdem die ersten Siedler eingetroffen sind, die sich erwartungsgemäß aufführen wie moral- und intelligenzlose Raubritter, beschließt der mechanische Teil der Bevölkerung, sich des humanen Teils zu entledigen. Calypso wird in einen brutalen Krieg geführt, bei dem fast alle Siedler den Tod finden. Die wesentlichen Spuren der bis dato geleisteten Pionierarbeit werden ausradiert. Einzig und allein die Stadt New Haven bleibt vor Zerstörung und Verwüstung bewahrt und bildet nun den Ausgangspunkt für ›Project Entropia‹ sowie für alle Neuankömmlinge auf Calypso. Diesen kommt als Siedlern der zweiten Generation die ehrenvolle Aufgabe zu, die neue Welt, moralisch geläutert, erneut zu zivilisieren. Dabei machen sie Jagd auf die Dino-artigen Tierchen oder Maschinen, die sich selbst reproduzierend in Höhlen leben und nach wie vor den Menschen nicht allzu wohl gesonnen sind. Neverdies geht hin und wieder auch jagen und freut sich über erbeutete Felle, die ihm einen kleinen Nebenverdienst bescheren, hat aber noch ganz eigene Pläne für die Zukunft. Denn Neverdies alias DJ Hound Dog hat den Machern von ›Project Entropia‹ seinen Song ›Gamerchick‹ geschenkt und dafür gesorgt, dass auf dem Marktplatz in New Haven eine Musicbox aufgestellt wurde, mit der man, jetzt noch unentgeltlich, diesen und den Song ›Animegirl‹ von Tina Leiu alias Island Girl anhören kann. In naher Zukunft wird sich hier die an Konsum gewöhnte Community an einem kommerziellen Download-Bereich erfreuen können. Und weil Neverdies an das ›Project Entropia‹ glaubt, hat er sich zudem eine Option auf den ersten Nachtclub in New Haven geben lassen. Denn ›Project Entropia‹ an sich ist weniger Spiel als Geschäftsidee, Beschäftigungstherapie, Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und virtuelle Börse in einem: »A game of soccer is just a fun game until winning becomes important, then it becomes a battle. If the game of soccer is a league game, then one’s survival may even be at stake. If you are a professional soccer player, then you livelyhood is at stake when you play, your kids’ education, your father’s operation. Everyday all over the world people are playing games for varying stakes.«

Nachdem Counterstrike-Clans oder FIFA-Spieler in Ligen, bei großen Turnieren und LAN-Partys mittlerweile um Preisgelder spielen, die zuweilen so hoch sind, dass man sich davon schon mal sein erstes Auto zusammenzocken kann, folgt dem quasi sportlichen Wettstreit mit dem Joystick in der Hand nun der ökonomische. Die ›Project Entropia‹-eigene Währung PEC steht im Wechselkurs zu realen Währungen und erlaubt somit nicht nur finanziellen In-, sondern auch Output und somit die Grundlage für Verdienstmöglichkeiten. Während bei anderen Spielen virtuelle Items z. B. bei eBay gehandelt werden, haben MindArk den Cashflow in das Spiel integriert und zudem erheblich erweitert. Neverdies: »With the advent of the real cash MMORPG, the hardcore gamer can become a full time gamer and earn his living, and the casual gamer may now become a casual professional gamer. He may invest his time and real cash in a virtual world, speculate, make money and lose money – in exactly the same way that a casual investor invests in stocks and rental properties. If the casual gamer makes the right moves, he can improve the quality of his life both virtual and real.« Was ich als Kapital-kritischer und über Abhängigkeiten halbwegs aufgeklärter Autor nun davon halten soll, weiß ich nicht.

Project Entropia
Das MMORPG von MinDark gibt es seit 1995. Es wirbt damit, »the greatest discovery since America« zu sein. Die Online-Community hat mehr als 130.000 aktive User und basiert auf NetImmerse, einer independent 3D-rendering Engine von Numerical Design, die den Spieler in die schön animierte 3D-Welt des Planeten Calypso eintauchen lässt. / www.project-entropia.com / http://entropia-pioneers.kicks-ass.org / www.mmorpg.com

DJ Hound Dog
Was sich hinter Neverdies und DJ Hound Dog tatsächlich verbirgt und was Elvis mit der ganzen Sache zu tun hat, kann man kommenden Winter in der Independent-Filmproduktion ›Hey DJ‹ sehen, in der sich u. a. DJ-Größen wie Carl Cox, Bob Sinclair, Pete Tong und Kai Tracid und Hollywood-Veteran Terry Camilerri ein Stelldichein geben. / www.heydjmovie.com