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Oder: Policy of Truth

PlayStation3

Jetzt ist sie wieder da, die Kernfrage, wenn es um Videospielkonsolen geht: Lohnt sich das? Ist diese schwarze Erscheinung namens PlayStation3 wirklich 600 Euro wert? Seit dem 23. März steht die PS3 in europäischen Läden. Und selbst wer absolut keinen Zweifel am Preis-Leistungs-Verhältnis hegt, stol
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Jetzt ist sie wieder da, die Kernfrage, wenn es um Videospielkonsolen geht: Lohnt sich das? Ist diese schwarze Erscheinung namens PlayStation3 wirklich 600 Euro wert? Seit dem 23. März steht die PS3 in europäischen Läden. Und selbst wer absolut keinen Zweifel am Preis-Leistungs-Verhältnis hegt, stolpert zunächst über ein Grundproblem, denn bei den beschränkten Stückzahlen dürfte es eher unwahrscheinlich sein, in den ersten Wochen eine der Konsolen kaufen zu können. Aber davon einmal ganz abgesehen: Die Unsicherheit bleibt auch in den kommenden Monaten: Lohnt es sich wirklich schon jetzt, eine PlayStation3 zu kaufen?

Wer sich noch an den Verkaufsstart der PlayStation2 erinnert, dürfte jenes Hin und Her der Gefühle schon kennen, auch wenn die Begeisterung vor sechs Jahren inhaltlich eine etwas andere war: Mit der zweiten, hochkant gestellten Sony-Konsole wägte man sich tatsächlich auf dem Sprung ins neue Jahrtausend. Eine genial abstrakte Werbung, unter anderem mit einem Clip von David Lynch, versprach damals einen “Third Place”, den man lieber gestern als heute aufsuchen würde. Auch bei der Einführung der PS2 wirkte das Start-Line-up der Spiele eher dünn, aber das nahm man Kopf nickend in Kauf.
Und 2007? Wer sich für das Thema PlayStation3 interessiert, wird erfasst von einer Flut von Meinungsfetzen. Erst gab es diverse Release-Verschiebungen, dann viel zu wenig Konsolen bei den Verkaufsstarts in Japan und den USA. Es gab Schlagzeilen über Konsolen-Diebstähle, die inhaltliche Fragen noch weiter nach hinten rutschen ließen. Schlimmer noch waren die Meldungen von Spielentwicklern und Publishern, die sich über verspätete Entwicklerkits und die hohen Produktionskosten beschwerten. Auch die Vorstellung des bewegungsempfindlichen SixAxis-Controllers geriet zu einer zu offensichtlichen Trittbrettfahrernummer im Angesicht des nahenden Erfolges von Nintendos Wii-Konsole.
Ein tieferer Blick in die Firmenpolitik von Sony offenbart, dass nicht nur die Marke PlayStation gelitten hat. Apple hat Sony mit dem iPod längst die alte Krone des Walkman abgenommen, und auch bei den Flachbildschirmen verpasste Sony zunächst den Trendwechsel. Selbst Datenträger wie Mini-Disc oder UMD, die die Abspaltung von der PSP völlig verpasst hat, erwiesen sich als Einbahnstraßen. War Sony hochnäsig und arrogant? Hat der japanische Konzern das Gespür für die Zukunft verloren?
Bei einem Marktanteil von gut 70 Prozent schien das Konsolengeschäft tatsächlich in der Hand von Sony zu liegen, und gerade die langfristige Produktplanung mit Zeiträumen von zehn Jahren lässt die Geschäftpolitik bei einem immer schneller reagierenden Unterhaltungsmarkt nur schwer begreifen. Wer jetzt überlegt, welche Konsole gekauft werden soll, den interessiert nicht, ob in einem Jahr oder später vielleicht ein oder zwei neue Top-Titel anstehen. Ein Blick auf das Start-Line-up reicht, um das momentane Dilemma der PlayStation3 zu verstehen: Von drei Dutzend Spielen sind nur drei wirklich neu oder so noch auf keiner anderen Plattform erhältlich. Alle anderen sind älterer Natur, auch für Xbox360 oder Wii spielbar oder Fortsetzungen bekannter Lizenzen und Franchises. Dazu gesellen sich Spieletitel, die teilweise eingeschränkten Funktionsumfang haben: Warum funktioniert die My-Soundtrack-Funktion von “DefJam: Icon” in der PS3-Version nicht? Warum fehlt in der PS3-Version von “Virtua Tennis 3” der Onlinemodus?
Der Mangel an herausragenden Spielen ist jedoch nicht die einzige Schusswunde, die bei der PlayStation3 erst einmal ausheilen muss. Hiroshi Kamide, Direktor der Marktforschungsfirma KBC Securities Japan, formulierte das erweiterte Problem so: “Bisher hat noch niemand wirklich verstanden, warum die PS3 so teuer ist!” Abseits des von IBM völlig neu entwickelten “Cell-Prozessors”, der für die Bewältigung der grafikintensiven Bilderwelten zuständig ist, schlägt besonders das Blue-Ray-Laufwerk der PS3 aufs Konto. Konnte beim Launch der PlayStation2 deren eingebauter DVD-Player noch als reizvolles Sahnehäubchen Kundschaft locken, sorgt das weltweit vorherrschende Fragezeichen beim Thema Blue-Ray eher für Magenschmerzen auf der Höhe des Geldbeutels. Denn eigentlich haben nur Besitzer eines hoch auflösenden LCD- oder Plasmabildschirms etwas von der sechs Mal höheren Datenrate einer Blue-Ray-Disc, die momentan noch mit dem Konkurrenzprodukt HD-DVD um den Zukunftsmarkt der Datenträger kämpft. Dabei hat der Konsument das Gefühl, diesen Kampf der Formate teuer bezahlen zu müssen. Da hilft es dann auch wenig, wenn die ersten 500.000 angemeldeten PS3-User in Europa eine Blue-Ray-Disc des letzten James-Bond-Films “Casino Royale” als kostenlosen Bonus erhalten.
Auch Sony bezahlt den Kampf um die Weltanteile des wachsenden Gamemarktes im Fall der PS3 mit harten Dollars: Analysten schätzen den subventionierten Verlust pro Konsole für Sony auf rund 240 US-Dollar! Und diese Rate hat sich bisher kaum geändert, da durch Liefer- und Produktionsschwierigkeiten bis Ende Dezember 2006 laut Sonys eigenen Angaben nur 1,84 Millionen Konsolen auf den Markt gebracht werden konnten. Deswegen wundert es kaum, dass der Konzern schon nach wenigen Monaten versucht, den Preis der Konsole in den Produktionskosten zu drücken. Während in den USA und in Japan noch ein billigeres Modell mit einer 20-Gigabyte-Festplatte angeboten wurde, gibt es für Europa ausschließlich das Modell mit 60 Gigabyte. Und auch bei den inneren Werten hat sich in den letzten Monaten etwas geändert: Durch ein internes Redesign entfällt der sogenannte “Emotional Chip”, der auf den bisherigen Modellen der PS3 noch eine vollständige Emulation bisheriger PS2-Titel ermöglichte. Nun soll das über eine Software gelöst werden, wobei schon klar ist, dass dann deutlich weniger ältere Spiele auf einer PS3 laufen.
Allein die Aufstellung dieser Probleme zeigt, welchen holprigen Weg die PS3 bisher gehen musste. Dazu gesellen sich ein dünnes Onlineangebot im “PlayStation-Store”, extrem umständliche Software-Updates, unsinnig nach Spielen separierte Gamerpoints, ein kastrierter Kontroller ohne Rumble-Funktion und fehlendes “Upscaling” beim Abspielen von DVDs. Dagegen wirkt es fast absurd, wenn sich Fachmagazine aufregen, auf der Außenhülle der PS3 würden sich arg schnell Fettfingerabdrücke sammeln.
Gibt es überhaupt einen Weg, die PS3 auch positiv zu sehen? Überraschenderweise kann ebendiese Frage mit “Ja” beantwortet werden. Denn abgesehen von ihrem hohen Stromverbrauch ist die PS3 grundsätzlich ein echtes Schnäppchen, denn welcher auffallend leise “Computer” mit HDMI-Anschluss kostet mit eingebautem Blue-Ray-Laufwerk und Multimediafunktionen gerade mal 600 Euro? Im Fall der PS3 lohnt es wohl, sich verschiedene Fragen gleich mehrfach zu stellen. Und wenn sonst Angriff die beste Verteidigung ist, könnte Abwarten und Teetrinken in diesem Fall vielleicht noch die beste “Policy of Truth” sein ...

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