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Phantomschmerz

Banksy - Exit Through The Gift Shop

Lars Brinkmann nimmt Banksys "Exit Through The Gift Shop" unter die Lupe - zwischen Fakten und Fiktion.
Geschrieben am
Ist ja einfach: Wer keine Rampensau ist, erhebt sein Schattendasein zum Kult. Straßenkünstler Banksy ist längst aus dem Schatten getreten mit seiner Kunst. Die Person hinter dem Werk bleibt weiter ein Phantom. Daran ändert auch die Doku "Banksy - Exit Through The Gift Shop" nichts. Aber was wird dann eigentlich dokumentiert? Lars Brinkmann zwischen Fakten und Fiktion.

"Become good at cheating and you never need to become good at anything else." (aus: "Banksy - Wall And Piece", 2005)

Wäre Andy Warhol noch unter uns, er müsste Staub fressen. In beängstigender Geschwindigkeit hat sich sein 68er-Orakel - "in Zukunft wird jeder 15 Minuten berühmt sein" - längst bewahrheitet. Jeder kann sich über Nacht in einen Star verwandeln. Der einzige Haken: In nächster Zukunft werden so viele Menschen weltberühmt sein, dass uns allen als ein letzter Rest Intimität nur noch eine Viertelstunde exklusive Anonymität vergönnt sein wird. Vielleicht sprechen wir dann vom Luxus der Abwesenheit. Schon jetzt verstehen es manche Künstler und Kreative als eine Art Gütesiegel, so wenig mediale Präsenz wie möglich zu zeigen.

Für einen Straßenkünstler wie Banksy, der oft jenseits der Grenze zur Illegalität arbeitet und seine Kunst immer noch in erster Linie als Vandalismus verstanden wissen will, bedeutet Anonymität mehr als Luxus. Sie dient dem (künstlerischen) Überleben. Ohne sie könnte Banksy den Laden dichtmachen. Sinnbildlich gesprochen, denn natürlich gibt es keinen Banksy-Laden. Auf seiner Website findet sich unter "Shop" neben ein paar entsprechenden Bildern lediglich der Hinweis, dass er weder Grußkarten noch bedruckte Leinwände verkaufe, keine Mal-Aufträge annehme und auch keine Bagels feilbiete.

Angeblich stammen Banksys Werke, die bei Auktionen schon mal für sechsstellige Summen von Brad Pitt oder Christina Aguilera ersteigert werden, zum Großteil aus alten Tagen - als er noch einen Beutel Gras oder einen neuen Haarschnitt mit einem Bild bezahlte. Demnach treffen sich die Galeristen auch heute noch mit zwielichtigen Typen auf dunklen Parkplätzen, um an ihren Banksy-Stoff zu kommen.

Eine hübsche, wenn auch nicht hundertprozentig überzeugende Vorstellung. Egal, seine besten Arbeiten lassen sich ohnehin nicht kaufen oder verkaufen. Sie sind Teil der Stadt, zugänglich für jeden und zumeist nur für eine begrenzte Zeit zu bewundern. Für Banksy sind die besten Leinwände immer noch Häuserwände oder eine schöne Mauer wie die im Westjordanland.

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Ist ja einfach: Wer keine Rampensau ist, erhebt sein Schattendasein zum Kult. Straßenkünstler Banksy ist längst aus dem Schatten getreten mit seiner Kunst. Die Person hinter dem Werk bleibt weiter ein Phantom. Daran ändert auch die Doku "Banksy - Exit Through The Gift Shop" nichts. Aber was wird dann eigentlich dokumentiert? Lars Brinkmann zwischen Fakten und Fiktion.

Die politischen Implikationen seiner Kunst haben Banksy zu dem gemacht, was er ist: Er ist, um es mit Wikipedia zu sagen, "gegen: Krieg, Kapitalismus, Faschismus, Imperialismus und Autoritarismus" und verbindet diese Haltung mit seiner eigenen Form von "Anarchismus, Nihilismus und Existenzialismus". Als Preis ist er scheinbar dazu verdammt, für immer brotlos sich selbst ausnutzen zu müssen, ständig in Gefahr, als das personifizierte gute Gewissen vereinnahmt zu werden. Ein Teufelkreislauf. Doch es sieht so aus, als habe Banksy nun einen Weg gefunden, offiziell und abseits der Parkplätze etwas Geld zu verdienen, ohne sich zu verkaufen, ohne seine Anonymität aufzugeben oder seinen Ruf weiter zu schädigen.

Er hat einen Film gemacht, einen Banksy-Film, wie er mehr Banksy nicht sein könnte. Allein der Titel, "Exit Through The Gift Shop", könnte gewieften Rätselfreunden schon den einen oder anderen Hinweis darauf geben, was sie erwartet. "Im Grunde hat sich da mit dieser neuen Kunst-Form eine echte globale Bewegung entwickelt. Die musste für die Nachwelt dokumentiert und konserviert werden. Und das ist der Film, den ich NICHT gemacht habe." So ließ sich Banksy selbst in einem seiner seltenen Interviews zitieren.

Der einzige Weg, in dieser Zeit als viel beachteter Künstler unsichtbar zu werden, ist, Verwirrung zu stiften. Wenn sich deine Spuren nicht mehr verwischen lassen, musst du eben eine Vielzahl an zusätzlichen Fährten legen. So viele, dass keiner mehr weiß, wie oder wo der Hase läuft. Banksy ist längst größer als Robin Gunningham, oder welcher realen Person auch immer der weltberühmte Name als Pseudonym dienen mag. Versteckspielen bringt nichts. Banksy bleibt auf der Oberfläche das Gegenteil von unsichtbar.

Er ist die omnipräsente Galionsfigur einer Bewegung, die sich nahezu in jeder Stadt an allen Ecken zeigt und sich darum zu Recht Street Art bzw. Urban Art schimpft. Andere sprechen geschwollen vom Post-Structural Urban Symbolism oder einfach von Post-Graffiti, um eine Traditionslinie zu betonen, die aber längst droht, verschütt zu gehen. Womit wir uns dem eigentlichen Kern von "Exit Through The Gift Shop" nähern.

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Ist ja einfach: Wer keine Rampensau ist, erhebt sein Schattendasein zum Kult. Straßenkünstler Banksy ist längst aus dem Schatten getreten mit seiner Kunst. Die Person hinter dem Werk bleibt weiter ein Phantom. Daran ändert auch die Doku "Banksy - Exit Through The Gift Shop" nichts. Aber was wird dann eigentlich dokumentiert? Lars Brinkmann zwischen Fakten und Fiktion.

Wenn Street Art wirklich, wie der Erzähler am Anfang des Films behauptet, mit der "größten gegenkulturellen Bewegung seit Punk" einhergeht, dann kommt "Exit Through The Gift Shop" so etwas wie dem legendär verkackten Sex-Pistols-Film "The Great Rock'n'Roll Swindle" nahe. Andere fühlen sich an die Metal-Mockumentary "This Is Spinal Tap" erinnert. Den besten Vergleich bemüht aber der Künstler selbst.

Das Presseheft, ein Bündel Fotokopien, zitiert ihn mit den Worten: "Ich wollte einen Film machen, der für Street Art das bewirkt, was 'Karate Kid' für den Kampfsport bewirkt hat - einen Film, der jedes Schulkind dazu bewegen würde, eine Spraydose in die Hand zu nehmen und loszulegen. Aber wie sich herausstellt, haben wir einen Film gemacht, der für Street Art so viel getan hat wie 'Der weiße Hai' für den Wassersport."

Was als windige Dokumentation über Street Art beginnt, endet in einer bitterbösen Farce, mit der Banksy deutlicher als mit jedem anderen Werk und jeder seiner Aktionen die etablierte Kunst-Szene mit ihren teils mafiösen, teils römisch dekadenten Strukturen gnadenlos vorführt. Der ursprüngliche (Arbeits-) Titel bringt es mit aller Deutlichkeit an den Tag: "How To Sell Shit To Cunts". Der wäre für seinen Verleiher auch kein Problem gewesen.

Dessen Hauptanliegen war, dass Banksy das Wort "Dokumentation" vermied. Das gilt bekanntlich als das reinste Kassengift. Der selbst erklärende Titel war ihm dann wohl doch etwas zu platt, aber genau darauf läuft die weitere Handlung hinaus: Hier wird denen Scheiße verkauft, die es nicht besser verdient haben. Die inhärente Kritik reicht weiter als bis zur leidenschaftlich verhassten High Art und lässt auch so manchen Kollegen von der Low-Brow-Front und deren Fans schlecht aussehen.

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Ist ja einfach: Wer keine Rampensau ist, erhebt sein Schattendasein zum Kult. Straßenkünstler Banksy ist längst aus dem Schatten getreten mit seiner Kunst. Die Person hinter dem Werk bleibt weiter ein Phantom. Daran ändert auch die Doku "Banksy - Exit Through The Gift Shop" nichts. Aber was wird dann eigentlich dokumentiert? Lars Brinkmann zwischen Fakten und Fiktion.

Es ist kaum zu glauben, wie viele Zuschauer und Kritiker noch immer Zweifel daran hegen, dass die Hauptperson des Films und das Monster, das aus ihr wird, Ergebnis eines riesigen Fakes sind. Offensichtlich gibt sich der vermeintlich verrückte Thierry Guetta alias Mr. Brainwash (MBW) einfach zu bizarr, um nicht als durch und durch real erlebt zu werden. Dabei operiert Banksy mit der einfachen Taktik der kreativen Köpfe, die sich komplexe Verschwörungstheorien ausdenken: Man beginnt damit, sich eine möglichst abenteuerlich verzwickte Geschichte mit diversen fein verzweigten Handlungssträngen und einer Unzahl merkwürdiger Protagonisten zurechtzulegen.

Ist man damit fertig, streut man nach Belieben ein paar nebensächliche, aber reale Fakten ein. Diese Tatsachen werden vom geneigten Publikum als solche erkannt (z. B. die Pyramide auf dem Dollarschein) und geben dann auf wundersame Weise der gesamten Geschichte einen wahren Anstrich. Die Illuminaten sind überall!
Anfangs gibt der kameraverrückte Thierry vor, nur einen kleinen Film über die lokalen Aktivisten machen zu wollen. Sein Cousin ist der französische Künstler Invader, der seit geraumer Zeit mit seinen gekachelten Space-Invader-Ikonen für internationale Aufmerksamkeit sorgt. (Fakt: Den gibt es wirklich.)

Im weiteren Verlauf zieht es die beiden nach Amerika, und Thierry lernt Shepard Fairey kennen. (Fakt: Auch den gibt es.) Durch diesen kommt es zum historischen Zusammentreffen unserer beiden Protagonisten. Thierry beschließt, den Fokus seines "Projekts" zugunsten von Banksy zu verschieben. Der wiederum merkt schnell, dass der Franzose mit seiner Aufgabe restlos überfordert ist. Nach einem ersten Trailer von Thierrys Film "Life Remote Control" (Fakt: zu sehen auf liferemotecontrolthemovie.com) schlägt Banksy vor, die Plätze zu tauschen - Thierry soll Künstler werden, dafür bietet ihm Banksy an, den Film zu drehen. Gesagt, getan.

Täuschung und Betrug

Es ist der größte Kunstbetrug, seit Konrad "Hitlertagebuch" Kujau den Pinsel beiseitegelegt hat. Thierry erfindet sich als Mr. Brainwash neu, mietet eine riesige Lagerhalle und stellt bar jedweden Talents via Stellenanzeigen diverse Künstler als Helfer ein. (Fakt: Die Anzeige gab es wirklich.) Innerhalb kürzester Zeit müllen sie Tausende von Quadratmetern mit Pop-Art-Trash zu.

Die Ausstellungsstücke reichen von miesen Warhol-Anleihen über abgewrackte Installationen bis zu Kopien der Kopie der Kopie. Als Resultat präsentiert sich die Ausstellung "Life Is Beautiful" in vollstem Elend - und wird zu einem riesigen Erfolg, nicht zuletzt dank der Fürsprache von Banksy und Fairey. Zum Schluss geben beide enttäuscht zu Protokoll, dass sie mit ihrer Unterstützung wohl einen Fehler gemacht hätten.

Banksy vermerkt resigniert, dass er früher jeden dazu ermutigt habe, selbst Kunst zu machen - das würde er jetzt wohl nicht mehr so oft machen ... Und das dürfte dann auch neben den eingestreuten Fakten die einzige Wahrheit sein. Oder anders: Street Art ist tot - lange lebe Street Art, die echte von der Straße. Weil Banksy es mit "Exit" geschafft hat, in einer Wolke der Konfusion abzutauchen, bleibt er nicht zu greifen - das ist die einzige Form von Anonymität, die ihm geblieben ist. Aber die ermöglicht es ihm, auch weiterhin eine gewichtige Rolle zu spielen.

"Banksy - Exit Through The Gift Shop" (USA/GB 2010)