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Der Tödliche Zwischenraum

Patricia Duncker

Das Gute vorweg: "Der tödliche Zwischenraum", das jüngste Buch der Londoner Autorin Patricia Duncker, ist ein stilistisch gelungener Roman, was übrigens auch für seine beiden Vorgänger gilt, das umjubelte Debüt "Die Germanistin" (1997) und "James Miranda Barry" (1999). Dunckers Sätze fließen leicht
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Das Gute vorweg: "Der tödliche Zwischenraum", das jüngste Buch der Londoner Autorin Patricia Duncker, ist ein stilistisch gelungener Roman, was übrigens auch für seine beiden Vorgänger gilt, das umjubelte Debüt "Die Germanistin" (1997) und "James Miranda Barry" (1999). Dunckers Sätze fließen leicht und ohne je zu stocken, selbst dann, wenn die Dinge, die ihr Ich-Erzähler, der 18-jährige Toby, beschreibt, ins Theoretische zielen. Duncker schreibt spannend und ist eine genaue Beobachterin; ihre Worte - vermutlich gebührt der Übersetzerin Barbara Schaden einiges Lob dafür - sind sorgsam gewählt. Kurz, man sollte meinen, die Lektüre des Romans sei ein ausgesprochenes Vergnügen. Und vielleicht ist das sogar der Fall, sofern man nicht allzu genau auf den Inhalt des Buches schaut, sofern man die sagenhaft überambitionierte Handlung, ihre offensichtliche Konstruiertheit, das Brecheisenspiel der Autorin mit hundert klugen Ideen außer Acht lässt. Falls nicht, ist man für das Buch vermutlich verloren. Worum geht's im Roman?

Eigentlich um alles: Familie, Gewalt, matriarchale Strukturen, um die Schwierigkeiten des Erwachsen-Werdens, Homosexualität, Inzest, Freiheit, den Übervater, Subversion, Liebe, Dominanz und Unterwerfung, Eifersucht, Selbstfindung, Freuds ödipales Dreieck, das männliche Monströse, Identitäten, Horror, Urängste, die Anziehungskraft des Abgründigen etc. pp. All das quetscht Duncker in folgende Rahmenhandlung: Der zartgliedrige Toby lebt mit seiner außergewöhnlich jungen Mutter - sie ist 33 und Malerin -, der reichen Großtante und deren halb so alten Freundin in abgeschiedener Harmonie. Eigentlich ist Toby ganz zufrieden. In der Schule hat er zwar keine Freunde, dafür aber viel Zeit zum Lesen. Wachsamen Blicks - und mit derart elaborierten Beobachtungs- und Reflexionsgaben ausgestattet, dass man gar nicht anders kann, als die Autorin dahinter zu ahnen - beobachtet Toby argwöhnisch das Eindringen des Anderen in Gestalt eines riesenhaften mysteriösen Mannes namens Roehm. Er ist der "neue" Liebhaber seiner Mutter-Freundin Iso, die Idylle scheint in ihrer Existenz bedroht. Da Roehm aber kein gewöhnlicher Mann ist, erliegt Toby schnell seiner auratischen Macht, fühlt sich regelrecht zu ihm hingezogen. Doch alsbald wird klar, dass dieser Minotaurus kalter Verführung ein fleischgewordenes zerstörerisches Geheimnis ist und dass durch seine Präsenz mehr als nur die Beziehung zwischen Toby und Iso auf dem Spiel steht.

Der Roman scheitert wie gesagt. Vielleicht weniger daran, dass er Thriller, Horrorroman in der Tradition Mary Shelleys, Ideen-, Beziehungs- und Entwicklungsroman zugleich sein will und sich dabei ordentlich an sich selbst verhebt: Die Sujets wirken brutal zusammengehämmert. Vor allem scheitert er, weil Duncker will, dass man auf den ersten Blick sieht, was sie alles weiß, wie viel sie gelesen und begriffen hat. Wie schon bei ihren Büchern zuvor rattern hier nervtötend laut die Mühlen akademischer Erkenntnis. Zu entdecken gibt es da nur wenig, weil nichts "versteckt" ist oder subtil in die Geschichte einfließt.

(Berlin Verlag, 300 S., EUR 19,90)