×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Harriet Köhler

Ostersonntag

Jetzt ist wieder Ostern. Und all die hippen, halb-prekären Was-mit-Medien-machenden Menschen zwischen 25 und 36 schieben die Versuchungen der Großstadt beiseite und ihre drogenverseuchten Körper heim, zum Festtagsschmaus am elterlichen Esstisch. Da gibt es schweren Wein, perfekten Lammrücken und ans
Geschrieben am

Jetzt ist wieder Ostern. Und all die hippen, halb-prekären Was-mit-Medien-machenden Menschen zwischen 25 und 36 schieben die Versuchungen der Großstadt beiseite und ihre drogenverseuchten Körper heim, zum Festtagsschmaus am elterlichen Esstisch. Da gibt es schweren Wein, perfekten Lammrücken und anstrengende Gespräche. Jedenfalls bei Harriet Köhler ist das so: Heiner, Ulla, Linda und Ferdinand führen für die anderen Familienmitglieder jeweils das perfekte Leben – aber allein. Krampfhaft versuchen an Ostern alle gemeinsam das Bild der heilen Familie zu wahren: Nein, Vater, der emeritierte Professor, ist mit 70 noch lange nicht senil und schon gar nicht inkontinent. Nein, Mama hat keine Affäre und auch keine Probleme mit Falten und Cholesterinspiegel oder mit dem Zahn der Zeit, der an ihrem Seelenheil, aber vor allem an ihrer Figur nagt. Der 28-jährige Sohn ist ein Genie, er hat sich nur vor lauter Interessen und Talenten noch nicht für ein Studienfach entscheiden können, und dass er eine Schwäche für Kommilitoninnen und ein Glas zu viel hat – na ja, wer hatte das nicht? Die 36-jährige Älteste schreibt Kolumnen für eine Hauptstadt-Zeitung, da bleibt eben keine Zeit für Mann und Kinder. Statt also zu reden, rettet man sich mit Floskeln über den Tag, in der Hoffnung, dass doch noch alles gut wird, dass ein Gefühl mal echt ist – oder auch nur ein Lächeln. Denn blöderweise ist man ja miteinander verwandt, und niemand weiß hier so genau, wie Glück jenseits der Familie denn aussehen könnte. Und dann ist da noch die Sache mit Friederike, der Zweitältesten, die nun nicht mehr da ist und über die Ferdinand just an diesem Ostersonntag reden will.

Harriet Köhler hat mit dieser verkorksten Familiengeschichte ein Debüt hingelegt, in dem sich jeder generationenübergreifend finden kann, da Köhler alle vier Protagonisten in einer Art Rollenprosa immer abwechselnd zu Wort kommen lässt. Gut, vielleicht sind die Stereotypen hier und da etwas zu glatt und verbraucht, dafür ist es die Sprache überhaupt nicht. Sie enthält so viele Bonmots, Metaphern, zarte Beobachtungen und schöne bis schonungslose Bilder, dass man sogleich, wenn man ausgelesen hat, wieder von vorne beginnen möchte. Und vielleicht sogar etwas anders über das Verhältnis zu den eigenen Eltern zu denken beginnt. Wenn man wieder heimfährt, zu Ostern.