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Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt

Orhan Pamuk

Als Flaubert 1850 nach Konstantinopel reiste, glaubte er, die zukünftige Hauptstadt der Welt vor sich zu sehen. Fassungslos stand er vor einem Gewirr von Gassen, Moscheen, Märkten und Kirchen. Doch der französische Autor sollte mit seiner optimistischen Prognose für die Stadt am Bosporus gründlich f
Geschrieben am

Als Flaubert 1850 nach Konstantinopel reiste, glaubte er, die zukünftige Hauptstadt der Welt vor sich zu sehen. Fassungslos stand er vor einem Gewirr von Gassen, Moscheen, Märkten und Kirchen. Doch der französische Autor sollte mit seiner optimistischen Prognose für die Stadt am Bosporus gründlich falsch liegen, denn hundert Jahre später war das Osmanische Reich untergegangen. Die muslimische Bevölkerung Istanbuls vergaß ihre “kosmopolitischen, polyglotten und multireligiösen” Wurzeln und verfolgte Juden, Armenier und Griechen. Aus dem Zentrum eines mächtigen Reiches, das sich von Sarajewo bis nach Tunis erstreckte, war ein “bleigrauer Ort” am Rande Europas geworden. Keineswegs hatte sich die Ansiedlung am Bosporus zur prachtvollen Weltmetropole entwickelt. Als 1952 Orhan Pamuk geboren wurde, war Istanbul die Hauptstadt der Melancholie.
Pamuk hat mit “Istanbul” einen Text vorgelegt, der nicht nur die Autobiografie des Autors im Labyrinth der Heimatstadt spiegelt, sondern umgekehrt auch die Stadt im Prisma der Autobiografie beschreibt. Angesichts der programmatischen Überkreuzung von städtischer und persönlicher Geschichte ist es nicht verwunderlich, dass der Autor die melancholischste Istanbul-Perspektive nicht auf Streifzügen durch verschneite Gassen findet. Das vielschichtigste Bild urbaner Tristesse zeichnet der türkische Nobelpreisträger, als er einen Blick in das Wohnzimmer seiner Eltern wirft, wo zwischen unbenutzten Klavieren seine Mutter auf ihren untreuen Ehemann wartet und Patiencen legt. Es sind die sechziger Jahre und ihr Sohn hat ihr soeben eröffnet, dass er Künstler werden will. Die Mutter reagiert entsetzt: “Wir sind hier in Istanbul und nicht in Paris. Hier kannst du der beste Maler der Welt sein, und keinen kümmert es.” In der bitteren Resignation der einsamen Hausfrau verdichtet sich die Lähmung der Stadt: Istanbuls Bürgertum hat sich freiwillig in den Schatten Europas gestellt und dabei den Glauben an sich selbst verloren.
Der Soziologe Wolf Lepenies hat die Melancholie als den Zustand von Menschen geschildert, die handeln wollen, aus gesellschaftlichen Gründen jedoch nicht handeln können. Mitunter schlage das depressive Stillhalten des Melancholikers in Produktivität um – das sei dann oft die Geburtsstunde großer Kunstwerke. “Istanbul” ist ein solches Kunstwerk – eine Schnittstelle, an der sich die Melancholie eines Ortes in den Widerstand gegen eine versteinerte Zeit verwandelt.