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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Reibungslose Dramaturgie des Zufalls

Open Hearts

Über diesen Film, den achten "Dogma"-Film und den zweiten "Dogma"-Film einer Regisseurin (nach "Italienisch für Anfänger"), kann man ausdauernd streiten. War "Dogma" nicht mal explizit gegen die Überwältigungsästhetik des Illusionskinos à la Hollywood angetreten, um wieder Zugang zu den ungekünstelt
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Über diesen Film, den achten "Dogma"-Film und den zweiten "Dogma"-Film einer Regisseurin (nach "Italienisch für Anfänger"), kann man ausdauernd streiten. War "Dogma" nicht mal explizit gegen die Überwältigungsästhetik des Illusionskinos à la Hollywood angetreten, um wieder Zugang zu den ungekünstelten Gefühlen der Menschen zu erlangen? Und jetzt das! Zwar verfügt auch "Open Hearts" sehr souverän über den semi-dokumentarischen Formenfundus, an den wir uns längst gewöhnt haben, wenn von "Dogma" die Rede ist. Doch im Gegensatz zum Formalen ist "Open Hearts" alles andere als "zufällig" oder "ungekünstelt" - im Gegenteil: Hinter dem "Zufälligen" schnurrt eine reibungslose Dramaturgie des Zufalls, die fast schon mit der Penetranz einer Versuchsanordnung exekutiert wird. Die Ausgangssituation: Zwei glückliche Paare, jung, sozial relativ wenig konturiert, teilweise einigermaßen saturiert, teilweise noch nicht etabliert. Die These: "Elsker dig for evigt!" Und ihre Belastungsprobe: Die Engführung beider Gruppen mittels eines Verkehrsunfalls, und dessen Rückwirkung auf beide Paare/Gruppen. Paar 1 implodiert, Paar 2 bearbeitet die Krise. Dann das Crossover: Das Unfallopfer liegt im Krankenhaus, in dem der Mann derjenigen, die an dem Unglück durch ihre Unachtsamkeit Schuld ist, als Arzt Dienst schiebt. Der Arzt versucht, die Partnerin des Unfallopfers zu trösten, zunächst professionell, dann ... "So ein Team sind wir: Ich fahre einen Typen zum Krüppel, und du fickst, was übrig bleibt!", sagt die Frau des Arztes. Paar 2 implodiert. Schnittmenge. Die pubertierende Tochter des Arztes kommt ins Spiel. Und so weiter und sofort, bis zum Open-end.

Dennoch ist "Open Hearts" ein ziemlich spannender und recht erwachsener Film, der an die große Tradition des europäischen Autorenfilms erinnert, bestimmte soziale Entwürfe (hier: die Utopie der Zeitenthobenheit von Gefühlen; die Zerbrechlichkeit des Lebens; die Grenzen der Kommunikabilität) mit Konsequenz zu sezieren (Stichwort: Antonioni). Das romantische "Ich liebe dich für immer" steht gegen das nihilistische "Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen". Wer jetzt an den 11. September denkt, liegt, glaubt man der Regisseurin Susanne Bier, völlig richtig. Insofern ist "Open Hearts" auch als ein weiterer Beitrag zu "11"09"01" lesbar, wobei diesmal keine Türme einstürzen, sondern Sicherheiten des Alltags weggesprengt werden. Genau dafür, für die Registrierung der Spuren solcher emotionalen Überforderung in den Gesichtern und Gesten der Figuren, sind die ästhetischen Mittel von "Dogma" vorzüglich geeignet. Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass Biers Film bei allen melodramatischen Verwerfungen durchaus eine heitere, leichte und entspannte Note innewohnt. Wie gesagt: Darüber lässt sich vorzüglich streiten.

Elsker dig for evigt; Dänemark 2002; R: Susanne Bier; D: Sonja Richter, Nikolaj Lie Kaas, Mads Mikkelsen, Paprika Steen;