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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ein Weltall voller Donuts

Nathalie Djurberg & Hans Berg

Dem schwedischen Künstlerduo Nathalie Djurberg & Hans Berg gelang in den Nullerjahren mit Trickfilmen der Durchbruch in der internationalen Kunstszene. Die skulpturalen Knetarbeiten von Djurberg, die mittels Claymation-Technik lebendig werden, wandeln durch eine traumartige Welt. Dem vordergründig Süßen haften oft albtraumhafte Szenarien an. Ihre Charaktere formwandeln im Verlauf ihrer erotischen und gewalttätigen Abenteuer oft zwischen Mensch und Tier, werden mit voller Dringlichkeit den großen Fragen der Existenz zum Fraß vorgeworfen. Die elektronische Musik dazu stammt immer von Djurbergs Partner Hans Berg.
Geschrieben am

Für die aktuelle Ausstellung im Kölnischen Kunstverein haben sich Nathalie Djurberg und Hans Berg neu erfunden. Statt Charaktere in den Mittelpunkt der filmischen Arbeit »The Black Pot« zu stellen, lösen sich die einzelnen Zeichnungen in einem tripartigen Prozess auf, der an die »X-Mix«-Videos aus den 90er-Jahren erinnert, mit denen die DJ-Sets von Leuten wie Dave Clark, Hardfloor, John Acquaviva, Ken Ishii oder Richie Hawtin kongenial bebildert wurden und somit Techno bildlich definiert. Räumlich ergänzt werden die Filme von donutartigen Objekten in der Tradition eines Claes Oldenburg, auf die man sich ausdrücklich setzen soll.

 

Nathalie, Hans, wie kam es zu der Neuausrichtung eurer Arbeit, die die Kölner Ausstellung prägt?

Nathalie Djurberg: Ich hatte einen Punkt in meiner Arbeit erreicht, an dem es nicht mehr so spannend war, ich die Ketchupflasche entleert hatte. Es fühlte sich zudem so an, als würde der Einfluss der Musik immer wichtiger, sodass die Idee wuchs, das Prinzip auch mal umzudrehen und die Musik an erster Stelle kommen zu lassen. Mir sind für die narrativen Filme die Ideen ausgegangen. Zeitgleich sprachen Hans und ich immer mehr über die abstrakte Form der Musik, und das führte meine Arbeiten auch ins Abstrakte und öffnete ein freies Feld mit endlosen Möglichkeiten.

Hans Berg: Die Musik spielt jetzt eine größere Rolle.

Wobei du, Nathalie, technisch gesehen weiterhin beim Animationsfilm geblieben bist – obwohl das nicht der leichte Weg ist und der Prozess zwischen Idee und Fertigstellung ein relativ langer. Hadert man damit nicht oft?

ND: Alles begann damit, dass ich Hans versprach, Visuals zu seiner Musik zu machen. Das war schon vor fünf Jahren, als wir noch in Berlin lebten. Doch es dauerte bis zu unserem vorübergehenden Umzug zurück nach Schweden, bis ich damit anfing. Es war in der Tat sehr zeitintensiv, ich saß tags und nachts an den Zeichnungen und haderte sehr damit. Es wurde mit der Zeit immer abstrakter, und plötzlich ergab alles einen Sinn.

HB: Ich würde es so sagen: Im Vergleich zu den früheren narrativen Arbeiten sind die Visuals abstrakt, aber sie sind eigentlich semi-abstrakt. Es sind noch immer Dinge in ihnen zu erkennen, Eier und Diamanten zum Beispiel.

Die Verschiebung weg vom narrativen Film als dem Hauptmotiv und hin zur Musik führt nicht nur zu einer größeren Verantwortung für die Musik, sondern in der Folge die Bilder auch hin zu einer höheren Catchyness.

ND: Früher war es so, dass ich die Animationen machte und Hans anschließend erst die Musik, das stimmt. Es fühlte sich für mich dabei aber so an, als sei die Arbeit erst wirklich interessant geworden, wenn die Musik hinzukam und für die Emotionen sorgte. Aber Catchyness ist ein guter Punkt. Die Leute denken oft nicht so, aber genau das hat uns dazu gebracht, eine neue Richtung einzuschlagen.

HB: Die alten Filme hatten eine Erzählebene, die Musik somit auch. Nun ist es an der Musik, die Geschichte größtenteils alleine zu transportieren, da die Bilder abstrakter sind.

 

Denkt ihr, dass ihr trotz der ganz anderen Ästhetik die gleichen Geschichten erzählt? Auf einer Tanzfläche begibt man sich ja auch auf eine Gefühlsreise, die teilweise Extremes hervorbringt.

ND: Es ist schön, wenn die Leute das so empfinden. Für mich persönlich ging es aber schon darum, diese Geschichten, an denen ich mich sonst abarbeitete, gegen ein Nichts einzutauschen. Wir haben viel über den Kosmos gesprochen, wie aus nichts etwas entsteht. Das ist dem kreativen Prozess nicht unähnlich, man erschafft Kunst aus dem Nichts; man könnte auch sagen, dass man von etwas Mondänem zu etwas Supermondänem geht oder von einem Zustand des Banalen zu einem wichtigen. Uns bedeutet es viel, dass die Leute in eine Umwelt eintauchen können.

HB: Es ist eine andere Geschichte. Bislang ging es sehr stark um die Beziehung zwischen dir und anderen, jetzt geht es um die Beziehung zu dir selbst. Es ist eine Reise ins Innere.

 

Das Themenspektrum der früheren Filmarbeiten könnte man als existenzialistisch definieren. Macht- und Unterdrückungsfantasien, Lebensgier und Todesangst. Seht ihr im Vergleich die neueren Sachen als heller, lebensbejahender an?

ND: Nicht wirklich.

HB: Nein.

ND: Ich denke, die neuen Sachen sind sogar heftiger.

HB: Die Interpretation ist jetzt offener.

 

In der Art, dass man zu den Sternen hochschauen kann und dies als Ohnmachtsgefühl wahrnimmt angesichts der Unendlichkeit des Alls und der eigenen Miniaturhaftigkeit, oder eben als große Chance, da alles so frei und offen vor einem liegt?

HB: Exakt.

ND: So erging es uns, als wir für eine Zeit von Berlin zurück nach Schweden zogen. Wir lebten im Haus von Hans’ Vater: auf der einen Seite liegt ein See, auf der anderen ein Wald. Es gibt in dem Dorf nur zehn Häuser, alles ist leer, im Winter nimmt die Dunkelheit alles ein. Das löste in mir ein Schwindelgefühl aus. Ich entwickelte eine Angst vor der Leere. Ich will damit nicht sagen, dass die Ausstellung diese Leere repräsentiert, aber es schwingt etwas davon mit, wenn man sich in den Bildern an nichts wirklich klammern kann in Abgrenzung zu den Situationen und Gefühlen in den alten Arbeiten.

HB: Die Dualitäten ermöglichten früher die Identifikation. Das ist irgendwie aber noch immer so: Die Bilder sind sehr dunkel, aber dann gibt es eben auch die Donuts und die Eier. Wir haben also die Galaxie auf der einen Seite und die Süßigkeiten auf der anderen.

Mir gefällt, dass ihr die Donut-Objekte ganz klar als Sitzobjekte definiert. Ist der Aspekt der Interaktion, der da drinsteckt, ein wesentliches Momentum der Neuausrichtung?

ND: Wir sind es leid, dass Kunst oft so anmaßend daherkommt. Jemand behauptet, dass etwas wichtig ist, und wenn es genügend Leute glauben, dann ist dem so, und der Preis steigt ... Wir mögen die Idee von einer Banalität, die eben gar nicht banal ist.

HB: Man fühlt ja auch die Begierde, das Material zu berühren. Das Silikon zieht einen geradezu an. Wobei man aufpassen muss, wohin das führt. Bei unserer Ausstellung in Göteborg haben die Leute echt Teile abgerissen. Da wir keine Security hatten, kam es zu Problemen.

 

Was mich zu meiner nächsten Frage bringt: Sind die Donuts für Bart Simpson oder für Claes Oldenburg gemacht?

ND: Eine gute Frage, die den Aspekt des Wegs vom Banalen zum Supermondänen thematisiert. Nimmst du all die Aufgeladenheit mit Wichtigkeit weg, oder lädst du im Gegenteil etwas bis zum Rand mit Bedeutung auf? Für mich trifft beides zu. Die Eier und die Donuts sind mondän zu verstehen: Beides sind lustige Spiele mit Form und Farbe, aber eben auch Verweise auf den Kosmos und die Entstehungsgeschichte. Der Donut repräsentiert die Galaxie, das Ei stellt die Frage nach dem, was zuerst da war: das Huhn oder das Ei. Mit gefällt, dass es zugleich Simpsons und Oldenburg sein kann.

Erhofft ihr euch von der Kölner Ausstellung einen Crossover zum eher musikinteressierten Publikum?

ND: Das würde uns gefallen.

HB: Als wir anfingen, die Kunstarbeiten mit der Musik zu kombinieren, erschien uns das als nahe liegend. Doch wir mussten lernen, dass die beiden Welten deutlich getrennt sind. Die Kunstleute ignorieren die Musik. Sie merken, dass etwas da ist, verstehen es aber nicht und bekommen es nicht mit Worten zu fassen. Die Kritiker schrieben meistens eine lange Beschreibung über die Kunst und eine Zeile zur Musik.

 

Ihnen fehlt die semantische Kompetenz auf dem Feld.

HB: Genau so ist es. Ich hoffe, dass sich das Verhältnis nun etwas verschiebt, immerhin nimmt die Musik diesmal einen so großen Teil ein, dass man sie kaum mehr ignorieren kann. Musik im Kunstbereich ist ja ansonsten oft eher seltsam und nicht so griffig wie bei mir. Komische Frequenzmusik, schwierige Sounds.

 

So wie beispielsweise die Carsten-Nicolai-Sachen?

HB: Genau. Meinen Sachen hingegen haftet etwas Poppiges an. Früher hatte ich Angst, sie seien nicht arty genug – das ist aber Vergangenheit.

ND: Jetzt lügst du.

HB: Ich denke noch immer daran, aber es tangiert mich nicht mehr.

 

Ihr habt zuletzt in New York gelebt, kehrt aktuell aber nach Berlin zurück, wo ihr schon einmal gelebt habt. Nach welchen Kriterien wechselt ihr eure Wohnorte, und inwieweit wirken sich diese auf die Arbeiten aus?

ND: Wir waren neun Jahre in Berlin, bevor wir zurück nach Schweden zogen.

HB: Wir machten das nur, da wir auf unser US-Visum warteten. Das zog sich aber leider zweieinhalb Jahre hin. Als wir dann endlich in New York waren, wollten wir zwei Jahre bleiben, aber nach einem Jahr ergaben wir uns der Distanz, da ich jeden Monat nach Europa musste.

ND: New York ist aufregend, aber es ist auch eine heftige Stadt. Wir vermissten die ehrliche Art der Leute in Europa. Sie sind zwar oft harsch, aber auf eine freundliche Weise.

HB: Die Kunstwelt in New York ist sehr anders. Alles dreht sich um Geld.

ND: Nach Berlin zurückzukehren fühlt sich so an, als ob wir nach Hause kommen. Außerdem hat Hans die Clubszene der Stadt vermisst.

 

Hans, was ist dein Lieblingsclub in Berlin? Nein, warte, da es ja immer derselbe ist, lieber deine zwei liebsten.

HB: Guter Punkt, jeder sagt Berghain. Und so ist es auch, aber ich mag auch Die Wilde Renate sehr, nicht zuletzt, da ein Freund da arbeitet und ich schon öfters da gespielt habe.

 

2009 habt ihr in Venedig den Löwen der Biennale gewonnen. Wie hat der Preis eure Karriere beeinflusst?

ND: Zu Beginn sehr. Man bekommt viel mehr Angebote. Davor hatten wir nicht wirklich viele Soloshows. Man muss sich aber schnell klarmachen, dass zwei Jahre später jemand anderes den Preis bekommt und weitere zwei Jahre später noch jemand. Man sollte also nicht durchdrehen. Man darf sein Glück nicht davon abhängig machen, dass andere einen mögen. Ich habe mich erst mal im Studio versteckt.

HB: Wir haben zu sehr vielen Anfragen nein gesagt. Das war gut.

ND: Irgendwann beruhigte sich alles wieder. Die Gefahr ist, dass man eine Angst vor Veränderungen entwickelt, da die Leute diese eventuell nicht mögen.

 

Ihr habt mittlerweile in zahlreichen namhaften Institutionen des Kunstbetriebs ausgestellt: vom Centre Pompidou in Paris über die Prada Foundation in Mailand bis hin zum Hammer Museum in Los Angeles. Da mutet Köln, in den 90ern die Kunststadt der Welt, ja mittlerweile fast dörflich an. Nach welchen Kriterien entscheidet ihr euch für einen Ausstellungsort?

HB: Der Kunstverein ist eine sympathische Institution.

ND: Der Raum ist sehr interessant, so lang. Moritz Wesseler, der Leiter, hat den Ausschlag gegeben. Er hat sich sehr um uns bemüht, sich sehr ins Zeug gelegt. Wenn man fühlt, dass jemand wirklich hinter einem steht, dann ist man auch eher bereit, sich darauf einzulassen.

 

Köln macht ja auch Sinn für deine Musik, Hans. Mit Kompakt und A-Musik sitzen hier noch immer zwei bedeutende Institutionen für elektronische Musik.

HB: Das stimmt. Ich freue mich sehr, meine Arbeit hier vorzustellen.

 

Mich interessiert auch immer der sozioökonomische Kontext von Künstlern. Lawrence Weiner sagte neulich noch zu mir: Satte Künstler produzieren bessere Kunst. Seit wann könnt ihr beide von eurer künstlerischen Arbeit leben?

ND: Während unserer Ausbildungszeit mussten wir noch hart nebenher im Restaurant und als Hausmaler arbeiten.

HB: Nathalie fiel einmal eine Leiter runter und bekleckerte sich von oben bis unten mit Farbe.

ND: Ich erinnere mich noch, wie wir das erste Video für 500 Euro verkauften. Was haben wir uns gefreut. Die Galerie bekam dann die Hälfte davon, anschließend gingen die Steuern ab, und schließlich blieben uns ein paar Euro. Aber wir hatten am Anfang, als wir uns mit 26 kennenlernten, gar nicht damit gerechnet, dass wir davon leben könnten. Aber nach drei, vier Jahren war es tatsächlich so weit. Manchmal frage ich mich, ob es einen fauler macht, dass man nicht mehr kämpfen muss. Andererseits kostet der Kampf auch viel Energie.

HB: Das Thema kam in New York auf. Viele Leute dort machen Sachen, die sich leichter verkaufen lassen, die an die Wände der Sammler passen, ja, in die Aufzüge ihrer Wohnhäuser. Sie müssen das vielleicht auch.

ND: Ich denke nicht, dass ich neben einem normalen Job noch Kunst machen könnte heutzutage.

 

Am 08.04. gibt Hans Berg um 20:30 Uhr eine Sound-Performance im Kölnischen Kunstverein.

 

Nathalie Djurberg & Hans Berg »Maybe This Is A Dream« (Kölnischer Kunstverein, 09.04.-01.06.2014)