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Moralist ohne Geist

Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte

Michael Moore meint es ernst mit seiner Kritik. Aber kann man seine Kritik ernst nehmen? Nach Karl Marx ist er mindestens das zweite Schwergewicht, das sich den Spuk der Warenwelt vor die Brust nimmt.
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Michael Moore meint es ernst mit seiner Kritik. Aber kann man seine Kritik ernst nehmen? Nach Karl Marx ist er mindestens das zweite Schwergewicht, das sich den Spuk der Warenwelt vor die Brust nimmt.

Ein Gespenst geht um in Amerika - das Gespenst des Michael Moore. In seinem neuesten Infotainment-Film prangert der provinzielle Populist nämlich nicht mehr nur einzelne Auswüchse des Kapitalismus an - wie im Falle von "Roger And Me", in dem es um die Arbeitswelt geht, "Bowling For Columbine", der sich auf Waffenbesitz einschießt, oder "Sicko", in dem er das unmenschliche Gesundheitssystem auf Herz und Nieren überprüft. Nein, in seinem neuesten Machwerk geht es gleich um das ganze korrupte System.

Was so hoffnungsvoll als Liebesbeziehung begann - mit Daddy Moore, der einer gut bezahlten Arbeit nachging, und Mum, die zu Hause bleiben durfte, einer Familie, die gesundheitlich abgesichert war und dem kleinen Michael eine gute Ausbildung bieten konnte -, wuchs sich mit den Jahren zu einem verbissenen Rosenkrieg aus, in dem der schwer Enttäuschte gegen Ende des Films konstatiert: "In so einem Land möchte ich nicht leben. Ich weigere mich, es zu verlassen." Mit der Finanzkrise ist der amerikanische Traum also nun endgültig geplatzt, und viele Bürger, die so lange die Klappe gehalten haben, weil sie hofften, vielleicht selbst irgendwann mal reich zu werden, fallen allmählich von diesem Irrglauben ab - so lautet eine Grundthese des Films. Chefprediger Moore versucht nun Zuschauer in seine Kirche der gelebten Sozialdemokratie zu holen, die längst dort ein und aus gehen. Also eigentlich: Moore-Business as usual. Seine Stärke liegt darin, Skandale am Rande eines zutiefst menschenverachtenden Systems aufzudecken; Schwachpunkt seiner Arbeit - und ganz besonders dieser, da er sich mit einem derart komplexen Thema, über das Marx immerhin ein ganzes Leben nachgedacht hat, übernommen hat - ist jedoch, dass er dabei nie allzu sehr in die Tiefe geht.


So erfahren wir in diesem Film z. B., wie ein Privatunternehmen ein Jugendgefängnis baut, um dann einen Richter zu bestechen, der dafür sorgt, dass es immer gut gefüllt ist - etwa mit einem Jugendlichen, der den Freund seiner Mutter beim Essen mit einem Stück Fleisch beworfen hat und dort deshalb etliche Monate einsitzen muss. Außerdem lernen wir etwas über die gängige Praxis großer Firmen, hohe Risiko-Lebensversicherungen auf ihre Mitarbeiter abzuschließen, sogenannte "Tote-Bauern-Versicherungen", um dann bei deren Ableben ordentlich abzukassieren, ohne der Familie des Angehörigen auch nur die Beerdigung zu finanzieren. Und Father Mike versteht es, solche herzzerreißenden Episoden mit absurden Interviews und Archivmaterial ineinanderzuschneiden. Er weiß auch, wie man trockenen Statistiken ein weinendes Gesicht gibt - so den Zahlen über diejenigen, die infolge der Immobilienkrise ihr Zuhause verloren haben.

Da Moores leidenschaftliche Filme im Grunde einer guten Sache dienen und die Gegenseite sowieso omnipräsent ist und unsere Gehirne verkleistert, ist man als Zuschauer geneigt, bei dem Mann mit dem unvermeidlichen Megafon beide Augen zuzudrücken. Doch einen seiner willkürlich ausgewählten Erzählstränge hätte er doch lieber weglassen sollen: Ausgerechnet diverse Vertreter eines der größten Unternehmen der Welt, der Kirche, bestätigen Moore wiederholt: "Capitalism is evil." Nun ja. Priester, Jesus-Montagen, der Hurrikan Katrina und Klempner Joe ziehen den Film zeitweise auf ein allzu billiges Stammtischniveau. In solchen Momenten ist man geneigt, sich einem witzigen Wall-Street-Broker, den Moore um Rat bittet, anzuschließen: "Hören Sie auf, Filme zu machen." Stattdessen bleiben wir vernünftig und resümieren: Sozialdemokraten aller Länder, vereinigt euch!

Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte (USA 2009, R: Michael Moore; 12.11.)