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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

J 2000 & J 2002

Monday & Blessing Bell

“Hallo, ich bin Sabu, das Genie.” So stellt sich Hiroyuki Tanaka gerne seinem internationalen Festivalpublikum vor. Ob der gut aussehende Japaner tatsächlich genial ist, sei dahingestellt, wichtiger ist, dass er sich dafür hält. Denn so hat Sabu (Spezialität: Verfolgungsjagden) scheinbar kein Proble
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“Hallo, ich bin Sabu, das Genie.” So stellt sich Hiroyuki Tanaka gerne seinem internationalen Festivalpublikum vor. Ob der gut aussehende Japaner tatsächlich genial ist, sei dahingestellt, wichtiger ist, dass er sich dafür hält. Denn so hat Sabu (Spezialität: Verfolgungsjagden) scheinbar kein Problem damit, sich stur den gängigen Erzählstrukturen des Kinos zu widersetzen. Gleich zwei seiner Filme widmete er unauffälligen Durchschnittstypen, die an einem bestimmten Punkt ihres Lebens einfach die Kontrolle abgeben, und er bewies damit, dass man auch mit passiven Helden spannende Storys bauen kann.

Am “Monday” beginnt für einen unscheinbaren Salary-Man keine arbeitsreiche Woche, sondern ein Alptraum, der sich aus bruchstückhaften Erinnerungsfetzen an die letzte Nacht zusammensetzt. Noch mit einem Beerdigungsanzug bekleidet, erwacht Koichi in einem Hotelzimmer. Wie er dorthin gelangt ist, weiß er nicht mehr. Langsam füllt sich sein lädiertes Kurzzeitgedächtnis mit Ereignissen, in denen ein bizarres Begräbnis (inklusive explodierendem Leichnam), viel Alkohol, eine schöne Frau, ein aufdringlicher Yakuza und eine Pumpgun eine unheilige Allianz eingehen. Als er mit den Konsequenzen seiner Taten konfrontiert wird, ist er das erste Mal gezwungen, sein Leben in einem größeren Gesamtzusammenhang zu reflektieren. Das kommt davon, wenn man sich “einfach mal gehen lässt”.

In “Blessing Bell” gelingt es Sabu, seinen schon in einigen Szenen von “Monday” spürbaren stoischen Stil auf den Punkt zu bringen. Ein Mann geht zur Arbeit und setzt, nachdem er feststellen muss, dass seine Arbeitsstätte geschlossen wurde, einfach seinen Weg ohne bestimmtes Ziel fort. U. a. landet er dabei im Gefängnis, rettet Leben, wird überfahren, begegnet einem Geist (Seijun Suzuki!), gewinnt im Lotto, wird beraubt und fällt in ein tiefes Loch. Sabu erzählt diese absurden Abenteuer als einen einzigen ruhigen Fluss aus extrem lang anhaltenden Totalen, gefilmt mit einer den Helden unaufdringlich begleitenden Kamera. Dabei verbirgt der Film mehr, als er zeigt, und macht damit den Zuschauer gewissermaßen zum Ko-Autor, der sich einige Teile der Handlung selbst vorstellen darf. Diese ereignisverzögernde Erzähltechnik erinnert in vielen Momenten an die Filme Takeshi Kitanos, zu dessen Markenzeichen ja ebenfalls eine eisern bewegungslose Kameraführung gehört, die viele Aktionen im Off stattfinden lässt. Bezeichnenderweise wurde die Hauptfigur von “Blessing Bell” mit Susumu Terajima besetzt, der eine Institution im Werk Kitanos zu sein scheint. Die Rolle des schweigsamen Igarashi passt dabei so perfekt zu diesem Schauspieler, dass man annehmen könnte, der Part sei ihm auf den Leib geschrieben. Vollendet indifferent lässt er sich durch den Film treiben, ein Spielball des Schicksals, der jede Richtungsänderung vom Zufall abhängig macht und genau auf diese Weise das Glück findet. Ein sehr persönlicher Film des “Genies”, der auf unaufdringliche Weise tief berührt.