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Manufacturing Dissent

Michael Moore

In der lustigen, mopsfidelen Welt des international erfolgreichsten Dokumentarfilmers macht sich zunehmend ein unangenehmer Geruch breit.
Geschrieben am
Do you want Moore? Zweiter Teil: Debbie Melnyk und Rick Caine wollen mit ihrer Gegendarstellung dem Doku-Bär an den Kragen. In Wirklichkeit und auf DVD verfallen sie denselben Mechanismen wie er. Lars Brinkmann über den Verfall der Sitten.

Es entbehrt nicht einer gewissen tragischen Komik, dass sich eine Kritik an Michael Moore zum Großteil ähnlich dubioser Mittel bedient wie er selbst - was dazu führt, dass 'Manufacturing Dissent' ebenso wenig als wahrer Dokumentarfilm gelten kann wie z. B. Moores 'Roger & Me'. Und wie Moores erster Kassenknüller dient die verzweifelte und letztlich vergebliche Bitte um ein Interview mit der Schlüsselperson auch hier als roter Faden - manche sprechen gar von einem Running Gag.

Nun dürfte es schon längst kein Geheimnis mehr sein, dass Moore entgegen seiner Aussagen sehr wohl zwei Interviews mit Roger Smith, dem damaligen Chief Executive Officer von General Motors, führen durfte. Das US-Magazin Premiere veröffentlichte drei Jahre nach Erscheinen des Films eins dieser Interviews, eine breitere Resonanz blieb jedoch aus. Auch die beiden Macher von 'Manufacturing Dissent' (seit 09.11. auf DVD), Debbie Melnyk und Rick Caine, bekamen letztendlich ein zwanzigminütiges Interview mit Moore. Immerhin haben sie den Anstand, wenigstens ein paar Sekunden davon zu zeigen.

Zum Schluss des Gesprächs nimmt das Bärchen die merkwürdig verschüchtert wirkende Melnyk in den Arm. Die versucht zunächst, sich zu wehren, ergibt sich aber schließlich doch der plumpen Vetraulichkeit. Dazu erklärt sie aus dem Off, dass sich Kanadier nicht so einfach - "at the drop of a hat" - anknuddeln lassen und zeigt quasi als Bekräftigung ein paar marschierende Mounties mit ihren roten Röcken und merkwürdigen Hüten. Das ist genau diese Form von manipulativer Montage, die auch Moore zum größten oder besser erfolgreichsten "Dokumentarfilmer" aller Zeiten gemacht hat. Leider ist Melnyk, die sich im Gegensatz zu ihrem Partner Caine mehrmals vor der Kamera zeigt, nicht nur angenehm zurückhaltend, sondern auch weit entfernt von Moores Medientauglichkeit. Die Frau bleibt im Verlauf der 70 Minuten grau. Analog dazu bietet auch der Film weniger, um nicht zu sagen: gar kein Entertainment. Und das darf man eigentlich erwarten, wenn die Mittel mal wieder den Zweck heiligen sollen.

Der mangelnde Unterhaltungswert des Films, der mit seinem recht vermessenen Titel an die hervorragende Noam-Chomsky-Dokumentation 'Manufacturing Consent' erinnern möchte, kann jedoch im Idealfall bewirken, dass alle - Zuschauer wie Kritiker, aber vor allem Filmschaffende - noch mal gründlich über das Wesen des Dokumentarfilms nachdenken. Bereits Mitte der 80er beklagte sich der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman in seinem Standardwerk 'Wir amüsieren uns zu Tode' über "die Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie". Er prognostiziert einen tief greifenden Wandel der Kultur von einer inhalts- zu einer rein unterhaltungsorientierten Gesellschaft mit gewerbsmäßigen Illusionisten, die für totales Entertainment sorgen. Moore und seine Epigonen haben in einer Zuspitzung dieser Entwicklung des "Entertainment um jeden Preis" den Dokumentarfilm endgültig auf den Hund gebracht. Statt glaubwürdiger Information liefern sie Infotainment; statt aufzurütteln und Fragen zu stellen, wollen sie nur noch die Rückversicherung der bereits im Vorfeld Bekehrten leisten.

Warum das nicht in unserem Sinne sein kann, wird so langsam auch dem Letzten klar. 'Manufacturing Dissent' bietet also in seinem Scheitern eine Chance. Es gilt nun, für den Dokumentarfilm Wege, Mittel und Formate zu finden, die Aufmerksamkeit und das Interesse des Zuschauers zu erlangen, ohne sich und seinen guten Zweck am Ende in der Suche nach dem größeren Lacher selbst zu verraten.

Hier geht's zur Kritik von Michael Moores Film "Sicko"