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Michael Haneke im Interview: Kein schöner Land

Das weiße Band

Michael Hanekes neuer Film ist ein spannendes Drama um rätselhafte Ereignisse in einem Dorf in Norddeutschland kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Geschrieben am
Michael Hanekes Film "Das weiße Band" wurde in diesem Jahr in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Ein spannendes Drama um rätselhafte Ereignisse in einem Dorf in Norddeutschland kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Warum man an einen Horrorfilm wie "Das Dorf der Verdammten" oder auch an die Kinder aus dem Aphex Twin-Clip zu "Come To Daddy" denken muss, klärte Wolfgang Frömberg in Berlin beim Gespräch mit Michael Haneke ebenso wie die Frage nach der Realität ...

"If you close the door / The night could last forever" (Velvet Underground)

Michael Hanekes Filme, soviel ist spätestens seit seinem internationalen Durchbruch "Funny Games" (1997) einem breiteren Publikum klar, gehören nicht in die Kategorie der leichten Unterhaltung. Andererseits kann man sich ausgezeichnet mit Michael Haneke über seine Filme unterhalten.

Der Mann redet druckreif und beweist ordentlich Humor. Wer von ihm jedoch den Schlüssel zum Werk, einen Zugangscode erwartet, wird enttäuscht: "Mir sind alle Interpretationen recht. Weil ich der Meinung bin, dass jeder Film im Kopf des Zuschauers enden sollte und nicht auf der Leinwand. Und er endet im Kopf des Zuschauers, wenn der sich dazu eine Meinung bildet. Mir ist auch jedes Missverständnis recht. Wenn Sie den Eindruck haben, dass es ein Horrorfilm ist, dann soll es mir recht sein."

Wer etwa die Wirklichkeit in seinen Filmen sucht, erliegt schon einem Missverständnis, wie Haneke beim Gespräch in Berlin betont. Für ihn ist Film schließlich "24 Mal in der Sekunde die Lüge im Dienste der Wahrheit", wie er mal in einer Dokumentation erklärte. Wer also der Wahrheit in seinen Filmen auf die Schliche kommen will, muss die Lüge über sich ergehen lassen, sowohl in der Trilogie über die "Vergletscherung der Gefühle" (1989-1994) als auch in den nicht minder auf dem Moment der Irritation beharrenden Filmen seit "Code: Unbekannt" (2000). Zwar glaubt der Autor und Regisseur nicht daran, dass Filme etwas verändern können (zum Beispiel die Welt). Er hofft aber, dass sie uns beschäftigen. Allen, die es zu schätzen wissen, sich den Kopf zu zerbrechen, wird nun auch "Das weiße Band" zu denken geben, jener Horrorfilm, der Michael Haneke die Goldene Palme von Cannes einbrachte.



Hierarchien
Ein Dorf in Norddeutschland kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Dieser Krieg ist die ganze Zeit über präsent - als Phantom an der Seite einer schleichenden, unheimlichen Gefahr, welche die sowieso äußerst zersplitterte Gemeinschaft von innen endgültig zu zerschlagen droht. In diesem Sinne stellt der Krieg jenes von außen kommende Monster dar, das hinter der Türe lauert und am Schluss plötzlich in Erscheinung tritt. Für Michael Haneke ist der Krieg die logische Konsequenz "nicht des Films, sondern der allgemeinen Endstimmung, die um diese Zeit geherrscht hat. 1914 war das Ende des Feudalsystems. Da hat die Jahrhunderte alte europäische Welt aufgehört zu existieren - in dieser Hierarchie mit Gott, Kaiser, Vaterland und Eltern. Das andere sind ja nur Folgeerscheinungen des Zusammenbruchs."

Wenn man die historische Schlinge noch etwas fester zieht, erscheint das Monster in der Gestalt des aus den kaputten Einzelteilen zusammengeschweißten deutschen Volkskörpers und seiner folgenden Verbrechen bis 1945. Und Haneke gibt durchaus zu, "dass das so angelegt ist". Also wenn dies kein Horror-Szenario sein soll! Man muss nicht mal, wie bewanderte Cineasten, "Das Dorf der Verdammten" (1960) als Referenz heranziehen oder als Popjournalist an die Aphex Twin-Kids aus Chris Cunninghams Videoclip zum Track "Come To Daddy" denken, um an ein Genre erinnert zu werden, für das Haneke selbst sich allerdings kaum interessiert. Er schaue nicht oft Genre-Filme, bekennt er. Und kennt noch nicht mal Stephen King.




Michael Hanekes Film "Das weiße Band" wurde in diesem Jahr in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Ein spannendes Drama um rätselhafte Ereignisse in einem Dorf in Norddeutschland kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Warum man an einen Horrorfilm wie "Das Dorf der Verdammten" oder auch an die Kinder aus dem Aphex-Twin-Clip zu "Come To Daddy" denken muss, klärte Wolfgang Frömberg in Berlin beim Gespräch mit Michael Haneke ebenso wie die Frage nach der Realität ...

Reflexionen
Das Unheimliche speist sich aus verschleierten Tatsachen und bösen Vorahnungen. Der Zuschauer muss sich in "Das weiße Band" sein eigenes Bild von unter zweifelhaften Vorzeichen übermittelten, lange zurückliegenden Geschehnissen machen. Haneke erklärt seine Absicht dahinter: "Der Erzähler sagt am Anfang: 'Ich weiß nicht, ob die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, in allen Details der Wahrheit entspricht. Vieles weiß ich nur vom Hörensagen ...' Ich will das Misstrauen des Zuschauers nähren, an der Wirklichkeit dessen zu zweifeln, was ihm gezeigt wird. Bei den anderen Filmen, die medienkritisch sind, ist es einfacher zu leisten. In 'Das weiße Band' geht es nur über zwei Wege: den Erzähler, der die Fragwürdigkeit benennt, und das Schwarz-Weiß, das ein anti-naturalistisches Mittel ist, das alles zum Exempel und nicht zum Abbild der Wirklichkeit macht."

Michael Haneke vergleicht die Erzählperspektive bzw. die Erzählfigur mit der aus einem zeitgenössischen Roman: "Es würde sich heute kein ernsthafter Schriftsteller erlauben, einen Roman zu schreiben, wo er nicht in dessen Verlauf die Mittel des Erzählens reflektiert." Er weiß nur zu gut, dass der Autorenfilmer sich als Manipulator auf eine künstlerische Weise zur Verzerrung, wie sie die Massenmedien praktizieren, verhalten muss, um sich weder ihrer Tricks zu bedienen, noch zu behaupten, er trickse nicht. Das Abbild der Wirklichkeit, an dem das Publikum letztlich verstärkt zweifeln sollte, ist ja die "objektive" Warte der Medien, von der aus Funk, Fernsehen und Feuilleton den öffentlichen Raum nicht nur mit Boulevard-News, sondern auch mit ihrer "seriösen" Berichterstattung umnächtigen, die uns einholt, sobald wir das Kino verlassen, nachdem die Projektion etwas Licht ins Dunkel gebracht hat.

Götterdämmerung
Michael Haneke inszenierte bereits eine Art Götterdämmerung. In "Wolfzeit" (2002) kehrt die bürgerliche Familie in ihr Haus auf dem Lande ein, wo die Bedrohung von innen bereits Gestalt angenommen hat. Die Handlung spielt zwei Weltkriege und ein paar Wirtschaftswunder sowie -krisen nach jener Zeit, in der die Kinder aus "Das weiße Band" in Verdacht geraten, für Folter und Mord im Dorf verantwortlich zu sein. Die "Wolfzeit"-Invasoren erschießen den Vater, nachdem Sohn und Tochter unter den Blicken ihrer Mutter vor die Tür gegangen sind, von wo aus sie mit anhören müssen, wie es knallt. Mutter und Kinder streunen daraufhin durchs heillose Chaos. Haltlosigkeit und Orientierungslosigkeit lösen die lähmende Klaustrophobie ab, die im Bauch der bürgerlichen Welt vorherrscht, wie Haneke sie seit "Der siebente Kontinent" inszeniert, wo eine Familie sich selbst zerstört. Eine Irrfahrt durch die "Wolfzeit", die laut Haneke schnell Realität werden kann, "wenn kein Strom mehr aus der Dose kommt".

Den in "Wolfzeit" bis dato am deutlichsten gezeichneten Existenzängsten der bürgerlichen Klasse geht er mit "Das weiße Band" weiter auf den Grund und kommt der eigenen Version von Kafkas "Schloss" nahe, die er fürs Fernsehen produziert hat. Auch dort zeigte er Autoritätshörigkeit und Hierarchiedenken in der medienfreien Gesellschaft schon verinnerlicht, was er dadurch veranschaulichte, dass er die regulierende Institution Schloss - anders als zuvor Rudolf Noelte (1968) - nicht ins Bild setzte.

Türen
Haneke begreift sich durchaus als Teil der von ihm gezeigten Welt, deren Fundament auf Ängsten gebaut ist, denen er auch eine Berechtigung einräumt. Ängste, die vor allem als Antrieb zur Errichtung von Mauern und Fassaden genutzt werden: "So sind wir alle", sagt er. In "Code: Unbekannt" gab er allerdings einen Wink auf den Ausweg, der jemandem wie ihm bleibt. Dort sagt der Regisseur zur in einem Horror-Szenario gefangenen Schauspielerin: "Die Kamera ist die Tür." Und wie alle bisherigen Filme Hanekes sowohl von Eingeschlossenen als auch Ausgeschlossenen handeln, ist das Publikum in ihnen mitunter gerade deshalb im Bilde, weil es sich plötzlich als Teil der Handlung verstehen muss, ob mitgefangen oder ausgesperrt. In "Funny Games" rücken die Zuschauer an die Stelle der sensationslüsternen Öffentlichkeit, als die bösen Buben zusammen mit den Medien die bürgerliche Festung entern, sobald die Tür einen Spalt weit geöffnet wird.

In "Das weiße Band" bleiben wir außen vor, als der Pfarrer seine Kinder mit der Rute züchtigt. Die Tür ist fest verschlossen. Der Geistliche handelt laut Haneke nach bestem Wissen und Gewissen. Er sei in Wahrheit gar nicht das sadistische Ungeheuer, das wir in ihm zu entdecken versucht sind. Nein? Schließlich ist er es doch, der seinen Zöglingen das Titel gebende weiße Band anlegt, das sie als Zeichen ihrer Verfehlungen tragen müssen, bis diese abgegolten sind. Nicht zuletzt durch seine drastischen Maßnahmen zur gesunden Erziehung, die Haneke durch fleißiges Studium von pädagogischer Ratgeberliteratur aus der damaligen Zeit bekannt sind, bekommt der Pfarrer einen Hinweis darauf, wer für die rätselhaften Vorfälle im Dorf verantwortlich sein könnte. Da sich das Indiz jedoch aus der Überlieferung des Dorflehrers speist, dem die Stimme aus dem Off gehört, taugt es nicht als Beweis. Höchstens als Hinweis auf die damals wohl schon bekannte Neigung, jegliche "Schuld" auf die nachfolgende Generation abzuwälzen.

Erkenntnisse
Beinahe alle Konflikte, alle Dramen, von denen "Das weiße Band" erzählt, spielen sich innerhalb der Häuser des Dorfes ab - auch offener Hass auf den Gutsherrn und seine Art schlägt wieder um in Gewalt, die sich zwischen den eigenen Mauern der gewöhnlichen Leut' abspielt. Zusammenkünfte sind nur beim Erntedankfest und in der Kirche zu beobachten. Beinahe ostentativ schon zeigt Haneke einige Male den leeren Dorfplatz. Ähnlich wie in der "Schloss"-Verfilmung oder in weiten Teilen von "Wolfzeit" ist der öffentliche Raum weder durch Medien besetzt - also auch im Gegensatz zu seinen "medienkritischen" Filmen, deren Handlungen um die Wende zum 21. Jahrhundert angesiedelt sind -, noch wird das Leben durch viele Fortbewegungsmittel beschleunigt. Kein Auto und kein Telefon sind zu sehen.

Haneke, dem der Gedanke fremd ist, in der Art und Weise des "Mainstream-Kinos" eine Illusion vom perfekten Abbild der Wirklichkeit zu erzeugen, etwa in einem "realistischen" Kostümfilm, will die Leere des Dorfplatzes nicht als Sinnbild inszeniert haben: "So war ja auch das Leben. Gehen Sie heute aufs Land. Egal wo. Ob das jetzt in Österreich ist oder in Deutschland - ich rede nicht von Griechenland oder dem mediterranen Raum, wo sich das Leben tatsächlich auf dem Dorfplatz abspielt. Aber im Norden hat sich das Leben nie auf dem Dorfplatz abgespielt. Und man kann sicher lange Überlegungen darüber anstellen, warum das so ist." Während man aus dem Gesamtwerk Hanekes ein paar Erkenntnisse darüber gewinnen kann, warum sich im Grunde nichts geändert hat. Über dem öffentlichen Raum liegt mal beredtes, mal stummes Schweigen. Von Demokratie im eigentlichen Sinne keine Spur. "Das weiße Band" ist ein Film über unerträgliche Verhältnisse. Alles, was recht ist.

Das weiße Band
D/A/F/I 2009
R: Michael Haneke; D: Ulrich Tukur, Leonie Brenesch, Burghart Klaussner, Josef Bierbichler; Kinostart: 15.10.2009

Mehr zu Film und Kino gibt es unter www.intro.de/magazin/kino und im Forum.