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Eine Amerikanische Familie

Matthew Sharpe

Aufbau, 336 S., EUR 19,90"Was ist - ein Blowjob?" Chris Schwartz, der Protagonist in Matthew Sharpes jüngstem Roman, denkt kurz über die Antwort nach und macht dann einen Scherz: "Oh, es macht Spaß." (...) "Das bedeutet, einer schließt die Augen, und der andere pustet ihm ganz sanft auf die Lider. D
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Aufbau, 336 S., EUR 19,90

"Was ist - ein Blowjob?" Chris Schwartz, der Protagonist in Matthew Sharpes jüngstem Roman, denkt kurz über die Antwort nach und macht dann einen Scherz: "Oh, es macht Spaß." (...) "Das bedeutet, einer schließt die Augen, und der andere pustet ihm ganz sanft auf die Lider. Das fühlt sich schön an. Willst du es mal ausprobieren?" Aber Bernard, Chris' Vater, will lieber nicht: "Nein, das klingt eklig."

Der 17-jährige Chris, mit dessen Augen wir die Welt sehen, liebt seinen Vater; er verachtet und liebt seine Mutter, die die Familie verlassen hat und sich seitdem als erfolgreiche Anwältin durch die Gegend vögelt. Und seine etwa gleichaltrige Schwester Cathy? Nun ja, seit sie sich von einer unglücklichen, nicht praktizierenden Jüdin zur fanatischen, unglücklichen Katholikin gemausert hat, reagiert er auf sie mit verständnisloser, aber immerhin humorvoller Aggression. Und verbal ähnlich hart wie sie geht er auch die behandelnde junge Ärztin seines Vaters an, Lisa Danmeyer. Diese kann sich wehren: "Halt die Klappe, du kleiner Pisser!"

Jede vernünftige Ehe wird irgendwann geschieden. Insofern kann man diesem Buch durchaus unterstellen, so etwas wie die ganz normale (amerikanische) Familienidylle zu zeichnen, mit all den kleinen Widerhaken, die eben dazu gehören. Alles so weit in Ordnung also - auch mit dem sympathisch klugscheißenden, fast schon überirdisch schlagfertigen Chris und seinem beschissenen Teenagerdasein, bis eines Tages das falsche Antidepressivum im Kopf seines Vaters erst ein kurzzeitiges Koma auslöst und Bernard und seine Familie Schwartz danach die Folgen eines Schlaganfalls auszubaden zwingt.

Das Ende der alten, der Anfang einer neuen Normalität. Oder: So kann man auch erwachsen werden. Indem man seinem Vater dabei hilft, sich dabei zu helfen, wieder sprechen, denken und laufen zu lernen. Die Rührseligkeit des Tons und der Bilder, mit der solche Tragödien gewöhnlich ausstaffiert werden, wird man in "Eine Amerikanische Familie" glücklicherweise nicht finden. Die unverstellte Zärtlichkeit und Nähe, die Familienunglücke bestenfalls auch im richtigen Leben mit sich bringen, hingegen schon.

Es gibt Sätze und Passagen in diesem Buch, über deren kluge Schönheit man nur staunen kann. Ein Stimmungswandel macht sich in der zweiten Komawoche unter den Betroffenen bemerkbar. Sie fühlen sich von "Bernie" zunehmend hängen gelassen. Dazu heißt es: "Sorge ist eine Empfindung, die gehegt werden will. Sobald man sich nicht mehr um sie kümmert, verkommt sie leicht zur Genervtheit." Und es gibt viel Ironie. Auch als Möglichkeit, den Ausweglosigkeiten und Gemeinheiten des Lebens wenigstens sprachlich etwas entgegen zu setzen. Chris ironisiert dementsprechend so ziemlich alles. Auch sein Vater ist ein Meister ironischer Aperçus. Gleich nach dem Aufwachen charakterisiert er, nach Worten suchend, seine Familie: "Meine - Tochter ist - glücklich. Meine Frau ist - treu. Mein Sohn ist ein - Genie."