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Die Freiheit des Ungehorsams

Marie Rotkopf über ihr »Antiromantisches Manifest«

Durch verschiedene literarische Formen warnt die in Paris geborene Autorin Marie Rotkopf vor der romantischen Ideologie, die sie in Europa bis heute präsent sieht, und schlägt eine Entromantisierung vor. Im Gespräch erklärt sie, warum ihr »Antiromantisches Manifest« auch ein Antipopkultur-Buch ist. 
Geschrieben am
Was bedeutet es heute, romantisch zu sein?
Romantisch sein bedeutet, die Rollen – blau für die Jungs, rosa für die Mädchen, neutral für die Hermaphroditen – und einer Klassengesellschaft zu akzeptieren. Die Romantik ist die Suche nach einer Nation, einer Macht, einer »Rasse« – nach ihrem Imperium.

Kann Popkultur antiromantisch sein?
Die Popkultur ist die Instrumentalisierung der Masse. Eine antiromantische Position zu haben, heißt ständige Kritik.


Mit dem »Antiromantischen Manifest« hast du selbst eine »
poetische Waffe« erschaffen. Warum die Poesie?

Mein Buch ist ein Versuch, der Romantisierung unseres Lebens zu entgehen, im Privaten wie in der Öffentlichkeit.
Für das Bewusstsein im politischen Sinne – wie wir unsere Gesellschaft und die Welt organisieren, weil die Propaganda nicht immer da ist, wo man glaubt oder sie  schlimmer ist als man denkt. Die Poesie, weil sie meine Möglichkeit zu agieren ist. Der Begriff »Poetische Waffe« bezieht sich auf die situationistische Bewegung. Wer nicht weiß, wer Guy Debord ist, kann ja zu seinem Smartphone greifen. Das mache ich immer so.

Gegen wen oder was ist die »poetische Waffe« gerichtet

Gegen Heckler und Koch, natürlich. Die Gerechtigkeitsperspektive ist für mich die wichtigste Weltanschauung. Nicht für alle. Nehmen wir die USA: Dort zählt »America first« – auf Kosten der anderen. Freiheit bedeutet Popkultur und Marketing. Freiheit im Sinne des Friedensnobelpreisträgers Obama, der 2014 einen Vertrag über 30 Jahre für die Erneuerung und Erweiterung des Atomwaffenarsenals unterschrieben hat.
Wir wissen, dass die Digitalisierung und die Algorithmen die Gesellschaft handlungsunfähig machen und dass der Kommunitarismus (typisch romantisch: sich nicht vermischen) uns ausschließt: »Ich bin für die Freiheit für alle, aber ich solidarisiere mich mit niemand«. Denn ja, die Coolness ist schuld, Intro ist schuld, die westliche Popkultur ist schuld, die im Kern antidissident, weil partikular ist. Obwohl Madonna und Angela Davis mir viel gebracht haben (Lol).

Ist die #metoo-Kampagne ein gutes Beispiel für eine antiromantische Position?
Eingriffe gegen das paternalistische System sind notwendig. Interessant ist, dass die Debatte wieder aus dem Kulturmilieu kommt, so wie die Politische Korrektheit. Wenn das Time Magazine die Frauen von #Metoo zur »Person of the Year« ausruft, ist das ein schlechtes Zeichen. Es geht dabei nicht um Ökonomie, und deshalb wird sich nicht viel ändern. Es stellt sich das Problem des Klassenrassismus dar. Diese Frauen repräsentieren die Ober- und Mittelschicht. Wichtig ist es, parallel über Menschen zu berichten, die sich nur wenig verteidigen können – über die Vergewaltigungen, begangen durch die Blauhelme in der Zentralafrikanischen Republik. Sie müssen bestraft werden, so wie auch die UNO, die dies leugnet. Das ist wirklich nicht cool. Für mich ist die Straffreiheit das Übel.

Du schreibst über das Fremdsein und dass es die einzige Möglichkeit der Freiheit ist.

Das Fremdsein bedeutet die Verweigerung an das Label »Wir«, das Merkel und ihre Kommunikationsberater institutionalisiert haben: Deutschland als Marke. Leider sehe ich, dass das keine Überwindung des Nationalismus ist, sondern dass dies dazu führt. Wir wissen, dass Nationalismus tödlich ist. Ich bin für das Leben. Auch Europa schützt nicht gegen Nationalismus oder Sozialdarwinismus. Ich finde es interessant, dass weder der Front national oder die FPÖ, noch die AfD heutzutage die EU grundsätzlich in Frage stellen. Mein Vorschlag lautet, sich individuell durch das Fremdsein zu emanzipieren. Für die Freiheit der Nicht-Zugehörigkeit.


Wie kann man sich als Antiromantiker individuell positionieren und für was sollte man sich stark machen?
Antiromantisches Denken und das Vermischtsein sind eine Lösung. Ich bin für die Dekonstruktion der Kommunikation, schon in der Erziehung. Wir müssen von der Ausbeutung durch die spezialisierte Kommunikation wegkommen. Das erlauben mir nur die Literatur und die Poesie, sie sind mein Lebensraum. Ich denke, dass Freiheit die Freiheit der Entromantisierung, des Bildersturms, des Geistes des Ungehorsams und der Neugier ist. Ich bin froh, dies im Herzen der Popkultur sagen zu dürfen, die alles neutralisiert. Sie ist dafür da.

 


Marie Rotkopf »Antiromantisches Manifest: Eine poetische Lösung«, Edition Nautilus; 144 S., 14.90 Euro

Lesungen:

22. Februar, King Georg, Köln, 20 Uhr
24. Februar, Goldhorn, Leipzig,19.00 Uhr
08. März, Karl der Grosse, Zürich, 19.30 Uhr 

Marie Rotkopf

Antiromantisches Manifest: Eine poetische Lösung (Nautilus Flugschrift)

Release: 01.03.2017

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