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Hate in Germany

Marcus Staiger über seinen Debütroman

Royal-Bunker-Gründer Marcus Staiger ist jetzt Schriftsteller. In seinem Debütroman »Die Hoffnung ist ein Hundesohn« treffen korrupte Politiker auf faschistische Amokläufer, skrupellose Journalisten auf arabische Gangster. Wolfgang Frömberg besuchte Staiger in seiner Kreuzberger Wohnung und sprach mit ihm über die Motive hinter der etwas anderen Geschichte, in der es die DDR im Jahr 2012 noch gibt. Foto: Peter Kaaden
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Marcus Staiger blinzelt in den Berliner Himmel. Wir reden über die Realität vor der Haustür, wo kürzlich noch ein riesiges Polizeiaufgebot gegen Asylsuchende Stellung bezog, und die veränderte Zeitgeschichte im Roman »Die Hoffnung ist ein Hundesohn«. Es gibt Parallelen zu entdecken. »Ein Flüchtlingsheim wird auch in meiner Geschichte geräumt«, sagt er. »Schon irre, wie viele von den Sachen, die ich mir ausgedacht habe, später tatsächlich passiert sind. Denk bloß an den Postbeamten Klaus Jedele, der wahllos Ausländer killt und seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Den habe ich ja noch vor der Aufdeckung des NSU erfunden. Bei den Lesungen sage ich oft: Der nächste Roman wird utopischer. Ich schreibe nur positive Sachen rein, damit die auch alle in Erfüllung gehen, so wie die negativen Dinge aus meinem Buch.«

Es ist schwül in Kreuzberg. Die Sonne sorgt für tropische Juli-Temperaturen am Paul-Lincke-Ufer. Die Atmosphäre im Kiez hat sich dennoch abgekühlt. Zumindest vorläufig. Gleich um die Ecke liegt der Ort, an dem sich unlängst die Gemüter erhitzt hatten: Die Gerhart-Hauptmann-Schule in der Ohlauer Straße war von Flüchtlingen besetzt worden, die für menschenwürdige Lebensbedingungen und Bleiberecht kämpften. Als die grüne Bezirksregierung die Räumung beschloss, solidarisierten sich Aktivisten und viele Anwohner mit den Besetzern. Die Polizei bemühte sich auf ihre Weise um Recht und Ordnung: Unter anderem wurden Kinder und Jugendliche auf einer Schülerdemo mit Tränengas attackiert. Die starke Solidarität mit den Besetzern und die Empörung über die Polizeipräsenz fand Staiger bemerkenswert positiv.

Wenn es die DDR noch gäbe

Die schicke Dachgeschosswohnung am Paul-Lincke-Ufer hat zwei Terrassen. Marcus Staiger lotst Fotograf Peter Kaaden und mich auf die Schattenseite und bietet Kaffee an. Staiger lebt hier seit zwei Jahren mit seiner Patchwork-Familie. Schon zur Zeit der Besetzung und Räumung des nahe gelegenen Oranienplatzes war er oft mitten im Geschehen – als rasender Reporter der Vice. »Möchtest du die Bildzeitungs-Tasse?« fragt er grinsend, um nach meiner launigen Antwort hinzuzufügen: »Ich spucke auch immer rein, wenn ich sie benutzt habe.«

Vor fünf Jahren hatte Marcus Staiger die Arbeit am literarischen Debüt begonnen. Inspiriert wurde er durch eine Sendereihe zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls im Deutschlandfunk. Darin war die Rede von Maschinengewehren, die während der Leipziger Montagsdemonstrationen 1989 in Anschlag gebracht worden seien. Am Schreibtisch entwarf Staiger ein Was-wäre-wenn-Szenario. Es erscheint wie eine Kreuzung aus diesen Montagsdemos und der Niederschlagung der Demonstrationen auf dem Pekinger Tian’anmen-Platz im selben Jahr. Das von ihm erfundene »Leipziger Massaker« sorgt dafür, dass die DDR neben der BRD weiterbesteht. Turbulente Ereignisse spielen sich ab. In ihrem Verlauf verknüpft der Autor die Schicksale mehrerer Figuren, und das Treiben entwickelt den Drive eines Thrillers: 2012 brechen in Kreuzberg Krawalle aus, nachdem der konservative Politiker Ronald Kotsch im Fernsehen eine volksverhetzende Rede gehalten und zeitgleich der Kleinbürger Jedele einen Migranten erschossen hat, während dieser im Park in ein Gebüsch schiss.

Wenn Eminem Singer/Songwriter wäre

Marcus Staiger muss man nicht lange kitzeln, wenn man Geschichten hören möchte. Außerdem weiß er das Moment der Irritation wohl zu schätzen. Zum Auflockern erzählt er von einem Interview, das er vor Jahren mit dem jungen Eminem geführt habe. Den überraschte er mit der Aussage, er halte ihn eher für einen Singer/Songwriter als für einen Rapper. Als sich die Miene des Gegenübers verfinsterte, rettete Eminems Begleiter die Situation: Der deutsche Journalist meine sicher, dass er den Shit auf ein anderes Level bringe, erklärte er dem kommenden Superstar. Solches Lob hört ein Künstler natürlich gerne. Eminem war’s zufrieden.

In gewisser Weise hat Staiger es selbst schon mehrfach geschafft, den Shit auf ein anderes Level zu bringen. Er betrieb den Kreuzberger Battle-Rap-Schuppen Royal Bunker, aus dem Ende der 1990er-Jahre das gleichnamige Label hervorging. Dort pushte er Künstler wie Kool Savas, Eko Fresh und zuletzt K.I.Z. Mit ihnen etablierte er eine Berliner Version des US-Gangsta-Rap. Nach Schließung des Labels arbeitete er ab 2008 als Chefredakteur von rap.de. Seit 2011 verdient er sein Geld als Industriekletterer und freier Journalist. Mancher Staiger-Fan mag gehofft haben, dass er nun die ganze Royal-Bunker-Story in Buchform auftischen würde. Aber dafür sei es noch zu früh, meint der 42-Jährige nachdenklich. Außerdem findet er, dass »Die Hoffnung ist ein Hundesohn« trotz der anderen Thematik ein HipHop-Roman sei. Stimmt. Das liegt an der Sprache und an bestimmten Zitiertechniken.

Wenn die Grünen verboten wären

»Aus den pornografischen Stellen habe ich das Wort Fotze rausgestrichen«, erklärt Staiger. Das ist natürlich so eine Sache. Man könnte ihm eine Masche unterstellen, weil er die Kunstsprache des Berliner Rap benutzt, um seine Romanfiguren zu charakterisieren. Aber er zeigt auch, dass diese Sprache mehr erzählen kann als Battle-Rap-Prahlereien und sexistische Litaneien. Schön ist das beileibe nicht. Wenn Jedele vor dem Fernseher sitzt, kommentiert er die »Sexy Sport-Clips«: »... Das habt ihr jetzt von eurer Eurodollar-Osterweiterung, du kleine Kommunistenhure.« Der Politiker Kotsch demütigt in seiner Limousine Prostituierte: »Er hatte die Macht, und die kleine dreckige Nutte sollte froh sein, dass sie heute Morgen nicht in einem dieser stinkenden dreckigen Waggons der Deutschen Reichsbahn gelandet und nun auf dem Weg in Richtung polnische Grenze war.«

Ronald Kotsch ist neben Jedele, dem Journalisten Stefan, dessen Ex-Freundin Sabine und Stefans Gangsta-Kumpel Atakan eine der zentralen Figuren der Handlung. Der Spitzenkandidat der Konservativen – die Grünen sind in Staigers Geschichte seit den 1990er-Jahren verboten, die Rechten landen bei den Wahlen regelmäßig Erdrutschsiege – ist nicht mal ein Augenzwinkern vom realen CDU-Mann Roland Koch entfernt, der einst der Bildzeitung ins Notizbuch diktierte: »Wer sich als Ausländer nicht an die Regeln hält, ist hier fehl am Platz.«

Jedele und Kotsch bilden ein teuflisches Gespann. »Jedele ist der typische Faschist«, so Staiger. »Er tritt nach unten gegen die Asozialen und schimpft nach oben auf die verkommenen Eliten. Er begreift das, was Kotsch in seiner Fernsehansprache von sich gibt, als Aufforderung zum Handeln. Die Politiker reden nur, sie tun nichts.« Der Clou ist, dass Jedele und Kotsch die Kreuzberger Riots gemeinsam auslösen. Damit gelingt Staiger eine Darstellung der Allianz von Politik und Pöbel – in einem Deutschland, das uns Lesern trotz der alternate history mit der weiter existierenden DDR durchaus bekannt vorkommen sollte. Das Dritte Reich schimmert durch, die 1980er-Jahre blitzen auf. Des Öfteren denkt man an die realen 1960er-Jahre, etwa an den von der Deutschen National-Zeitung aufgewiegelten Dutschke-Attentäter Josef Bachmann. Staiger baut auch mal ein abgewandeltes Ton-Steine-Scherben-Zitat als Sample in die Story ein.

Wenn sich nichts geändert hätte

»An die Sechziger habe ich weniger gedacht«, stellt er jedoch klar. »Ich hatte eher die Atmosphäre in den Neunzigern im Hinterkopf, als die Asylbewerberheime brannten. Rostock-Lichtenhagen. Hoyerswerda. Zwar hat sich Deutschland seitdem verändert. Aber unter der Oberfläche könnte die Gewalt immer wieder aufbrechen. Wenn man sich mit den Protesten gegen Flüchtlingsheime in Schneeberg oder Hellersdorf beschäftigt, kommt der Horror zum Vorschein. Du musst nur mal auf eine Baustellentoilette vom neuen Flughafen gehen, dann siehst du Rassismus an die Wand gepinselt: ›Liegt der Kanake tot im Keller, war der Deutsche wieder schneller.‹«
 
Dabei zeigt sein Roman, dass man Rassismus in Deutschland eben nicht nur auf der Baustelle findet. Gerade die Betonung des Triebhaften in allen geschilderten Beziehungen beschwört das Bild einer ungeschminkten Wahrheit herauf. Die Ausländerghettos, Drohnen und Tunnelsysteme hat er für seine Story aus verschiedenen realen Krisengebieten geklaut, aber sie funktionieren auch als Metaphern. Ob man das nun passend findet oder sich an der drastischen Form stört: Marcus Staiger liefert mit dem Buch manches, was man von ihm erwarten konnte, und dazu einige Überraschungen. Morgens zwischen fünf und sieben Uhr, bevor er die Kinder zur Schule bringt und selbst zur Arbeit geht, sitzt er in der Kreuzberger Dachgeschosswohnung und schreibt an der Fortsetzung.

Marcus Staiger »Die Hoffnung ist ein Hundesohn« (MFM Entertainment, 320 S., € 19,90)