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Kunstwerk im Kunstwerk

Man On Wire

1974 balancierte ein französischer Seiltänzer namens Philipe Petit ohne Netz und doppelten Boden auf einem dünnen Draht zwischen den Twin Towers des WTC.
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Unglaublich, aber wahr: 1974 balancierte ein französischer Seiltänzer namens Philipe Petit ohne Netz und doppelten Boden auf einem dünnen Draht zwischen den Twin Towers des WTC. James Marsh hat über 30 Jahre später eine Dokumentation über das Ereignis gedreht.

Beim Schreiben über den Dokumentarfilm "Man On Wire" von James Marsh ist es angebracht, die literarische Form der Novelle in Erinnerung zu rufen. Nach Goethe steht in deren Zentrum ein "seltsames, unerhörtes Ereignis". Am 7. August 1974 balancierte ein Franzose namens Philipe Petit knapp eine Stunde lang ohne Netz und Sicherheitsgurt auf einem Drahtseil zwischen den Twin Towers des World Trade Centers. Eine illegale Aktion, ermöglicht unter anderem durch eine lange Planungsphase, gefälschte Ausweise, Spionage und Kontaktpersonen im Gebäude. Petit selbst schrieb ein Buch über den Drahtseilakt, "To Reach The Clouds", das dem Film als Grundlage diente. Was im Buch wahrscheinlich unsichtbar bleibt, nämlich der Charakter eines Menschen, für den das Leben und die Welt ein Spielfeld bedeuteten, kann Marshs Außenperspektive freilegen. Die Archivaufnahmen aus dem Umfeld Petits sind für den Film so etwas wie der Vorschuss.

Der wird verantwortungsvoll und gewinnbringend eingesetzt. Heraus kommen beinahe fließende Übergänge zwischen leicht verwackelten Privataufnahmen, verwischten Experimentalshots, Bildern vom Bau des WTC und einigen eher nachskizzierten als nachgestellten Szenen. Dazu kommen aktuelle Interviews mit den Hauptpersonen, die trotz der zeitlichen Distanz die Spannung nicht unterbrechen, sondern steigern. Ein zweites Merkmal der Novelle ist, dass der Leser - nennen wir ihn also Zuschauer - ohne großen Vorlauf direkt ins Geschehen eingeführt wird. Diese Art der Erzählung ist die große Leistung von "Man On Wire": Den engeren Rahmen bilden die Stunden vor und nach dem Ereignis. Dieser wird aber räumlich und zeitlich so aufgespreizt, dass die einzelnen Stränge, die hier zusammenlaufen, deutlich hervortreten. Was immer der Seiltanz Petits für seine Mitstreiter an Emotionen hervorrief und immer noch hervorruft - drittens ist nämlich die Novelle die kleine Schwester des Dramas -, ist somit auf eine organische Weise direkt nachvollziehbar und wird nicht einfach zur Kenntnis genommen. Der Seiltanz ist das Kunstwerk im Kunstwerk, so schön und unwirklich, dass selbst dem Polizisten, der Petit im Anschluss daran vorübergehend verhaften musste, die Tränen in den Augen standen. Es scheint, als habe sich damals in der Realität für eine gewisse Zeit ein Vakuum gebildet, wodurch die Tatsachen und Umstände, die es umhüllen, erst deutlich werden.


Man On Wire - Der Drahtseilakt (GB 2008; R: James Marsh; 22.01.09)