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Heißer Sommer im Kalten Krieg

Luca Guadagnino über »Call Me By Your Name«

Die Verfilmung der Love Story von Oliver und Elio dürfte eines der emotional intensivsten Kino-Erlebnisse des Jahres sein. Patrick Heidmann sprach mit dem italienischen Regisseur Luca Guadagnino über dessen ersten »Familienfilm«, den Oscar-nominierten Darsteller Timothée Chalamet und Sufjan Stevens.
Geschrieben am
Erinnerst du dich daran, wann du erstmals André Acimans Roman »Call Me By Your Name« in den Händen hieltst?
Als ich vor etwas mehr als zehn Jahren damit beschäftigt war, meinen Film »I Am Love« vorzubereiten, schickte mir Produzent Peter Spears das Buch, weil er vorhatte, einen Film daraus zu machen. Er dachte, ich könnte ihm helfen, denn er wollte wissen, wo in Italien die Geschichte spielt. Das schreibt Aciman nämlich nicht. Mein Freund James Ivory schrieb das Drehbuch. Aber der Prozess zog sich hin, auch weil es in der Geschichte um zwei Männer geht, die sich ineinander verlieben. So eine Story ist schwer zu finanzieren.

Die Handlung spielt 1983. Was bedeutet dir dieses Jahr persönlich?
Wenn ich an 1983 denke, kommt mir zuerst die Musik in den Sinn: »Paris Latino« von Bandolero und all die italienischen Popsongs, die jetzt auch im Film zu hören sind. Weltgeschichtlich war es ein furchtbares Jahr, dank Reagan und Thatcher. Für den Backlash, der damals wütete, zahlen wir heute noch. Aber meine Erinnerungen sind die an eine wunderbare Zeit. Ich war damals zwölf Jahre alt und habe von der Politik nichts mitbekommen.

Welche Motivation steckte für dich hinter der Arbeit an »Call Me By Your Name«?
Das ist kein Film, den man für den Gehaltsscheck macht. Ich wollte diese Geschichte erzählen, weil sie von der Zeit meiner Kindheit und dem Land erzählt, in dem ich aufgewachsen bin – und die in puncto Auseinandersetzung mit Themen wie Leidenschaft und Begehren ganz meinen Vorstellungen entspricht. Außerdem verneige ich mich damit vor meinem Vater.

Was hat dein Vater mit der Geschichte zu tun?
Er ist ein sehr liebenswürdiger und exzentrischer Mann. Von ihm habe ich gelernt, dass ein Vater auch eine Mutter sein kann – und andersherum. Ich habe bei meinem Vater eine Zartheit und Herzlichkeit gespürt, die man gemeinhin als feminin bezeichnet, weil es oft die Frauen sind, die sich emotional mehr öffnen. Aber mein Vater kann das eben auch – und ich habe ihn und mich in der Beziehung von Mr. Perlman und Elio in dem Roman wiedererkannt. In gewisser Weise ist »Call Me By Your Name« mein erster Familienfilm. Selbst wenn ihn in den USA Jugendliche nicht ohne erwachsene Begleitung sehen dürfen.

Was unterscheidet ihn deiner Meinung nach vom Gros der Filme mit schwulen Protagonisten?
Mir war es wichtig, dass es nicht um einen typischen Konflikt geht. Dies ist weder ein Coming-out-Film, noch geht es um die Geschichte von jemandem, dessen Identität durch die Gesellschaft bedroht ist. Ich erzähle von zwei Männern, die sich einander hingeben. Nicht mehr und nicht weniger. Keine Ahnung, was aus Elio und Oliver wird. Aber für einen Sommer öffnen sie ihre Herzen. So einfach ist das.
Wie bist du auf die beiden Hauptdarsteller gekommen?
Mit Armie Hammer wollte ich drehen, seit ich ihn in »The Social Network« gesehen habe. Ein toller Schauspieler, aber man hat ihn auf der Leinwand noch nie sinnlich erlebt. Das wollte ich aus ihm herausholen. Timothée lernte ich vor etlichen Jahren über seinen Agenten kennen. Obwohl er damals erst 17 war, begeisterte er mich mit seinem Enthusiasmus, seiner Intelligenz und seiner Entschlossenheit. Von seiner Mehrsprachigkeit und seinem Klavierspiel ganz zu schweigen. Altersmäßig passten die beiden gut zusammen. Genau wie ihre Figuren Oliver und Elio sind sie acht Jahre auseinander.

War es schwierig, die bemerkenswerte Intimität von »Call Me By Your Name« auf die Leinwand zu bringen?
Ich wusste, dass es nicht so wichtig sein würde, sexuell explizit zu werden. Ich wollte Sinnlichkeit, nicht Erotik. Das Geheimnis, wie man so etwas filmt? Offenheit ist das Wichtigste. Als ich 1998 meinen ersten Film drehte, war ich vollkommen gehemmt, aus Angst, jemand könnte mitbekommen, ich sei schwul. Damals habe ich gelernt, wie wichtig es als Künstler ist, ganz du selbst zu sein. Peinlichkeit und Scham muss man loslassen. Dadurch fand ich zu einer Leichtigkeit in meinem künstlerischen Ausdruck, die auch dazu führt, dass alle anderen entspannen und sich bei der Arbeit wohlfühlen.

Nach welchen Kriterien hast du die Musik des Soundtracks ausgewählt, und wie kamst du auf Sufjan Stevens?
In meinen Filmen ist Musik meist eine eigene Figur, die sich mit den anderen Figuren reibt. In »Call Me By Your Name« sollte sie lediglich eine Art zarter Begleiter des Protagonisten Elio sein. Ich habe also nicht den Kontrast gesucht, sondern das, was am besten zu diesem jungen Mann passt. Er spielt Klavier. Das brachte mich zu Ravel, Debussy, Schönberg und Sakamoto. Der bereits erwähnte Pop der 1980er durfte nicht fehlen. Und schließlich habe ich mich an Sufjan Stevens gewandt. Einfach, weil ich ein riesiger Fan von ihm bin und seine Songs unglaublich poetisch finde. Dass er eigens zwei Lieder für den Film geschrieben hat, ist ein riesiges Geschenk.
— »Call Me By Your Name« (USA 2018; R: Luca Guadagnino; D: Armie Hammer, Timothée Chalamet, Michael Stuhlbarg; Kinostart: 01.03.18; Sony)

André Aciman

Call Me by Your Name Ruf mich bei deinem Namen: Roman (dtv Literatur)

Release: 09.02.2018

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