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Wenn Zuschauer und Spieler eins werden

Lost, das Videospiel

Spiele-Umsetzungen von Filmen und Fernsehserien fallen in der Regel unter die Kategorie Trash-Merchandising.
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Spiele-Umsetzungen von Filmen und Fernsehserien fallen in der Regel unter die Kategorie Trash-Merchandising. "Lost" hingegen überstrahlt als Heilsbringer das ganze Genre. Nach drei Staffeln einer Serie voller Fragen und Verwirrungen trieb Gregor Wildermann die Neugierde in den digitalen Dschungel der Konsole ...


Die Vergangenheit lässt einen nicht gerade Hoffnung schöpfen. Eine Flut schlecht gemachter Videospiel-Umsetzungen zu Kinofilmen hat die Liaison zwischen Hollywood und digitalen Spielwelten bisher wie eine Zwangsehe wirken lassen. Trotz bisweilen größerer Erzähltiefe und längeren Vorlaufzeiten waren Spiele zu TV-Serien nahezu immer eine Zumutung für Augen, Ohren und andere Körperteile. Selbst absolute Actionvorlagen wie "Buffy", "Alias" oder "Battlestar Galactica" verfielen beim Sprung auf die Konsole einer Inhaltsleere, die kaum zu beschreiben ist. Die Spielumsetzung zu "Sopranos" fand gar nie den Weg nach Europa, und auch die großen Hoffnungen in eine Umsetzung der Serie "24" wurden von Sony leider nur im Mindestmaß erfüllt. Von Herzrasen keine Spur, von einer medialen Ergänzung weit entfernt.

Andere Spiele-Entwickler flüchteten sich wie im Fall der Serie "CSI" lieber in die Nische der Point&Click-Adventures, bei denen sowohl Entwicklungskosten als auch Spieltempo mehr als überschaubar blieben. Und zu guter Letzt warten auch "Star Trek"-Fans seit Ewigkeiten auf ein Spiel, das endlich die Essenz der Serie auf den Punkt bringt. Sind Computerspiele also vielleicht einfach noch nicht so weit, auch über ihre festen Genre-Grenzen hinaus Emotionen und Spannung zu vermitteln?

Von wegen. Die ABC-Serie "Lost" tritt nun den Gegenbeweis an, zeigte sie doch von Anfang an, wie geschickt man den Zuschauer mit den unbekannten Gefahren einer sehr speziellen Insel konfrontieren kann: Die Überlebenden des Fluges von Oceanic Airlines 815 sind auf der einsamen Insel in einem geschlossenen Areal gefangen - eben genau wie in einem Art Computerspiel-Archetyp. Jeder neue Tag und jede neue Folge könnten ein weiteres Level in einem Spiel sein, dessen Regeln sich erst im weiteren Verlauf ergeben oder von einem Moment zum nächsten wieder umgeworfen werden.

Zwar sind in der Serie "Lost" die Charaktere auch auf ein Zusammenspiel angewiesen, doch werden sie immer wieder in klassische Situationen von Koalition und Opposition, Ja und Nein gebracht. Diese Entscheidungsstruktur passt hervorragend zu Computerspielen - unbekannte Komponenten wie Nummerncodes, verlassene Bunker, plötzlich auftauchende Eisbären oder schwarzer Nebel sowieso.Spricht man mit Produzent Gadi Pollack, der am Art Institute von Vancouver studierte und dort ein Diplom in "Video Game Art and Design" machte, hört man schnell heraus, dass gerade die offenen Fragen den Hauptanreiz bei der Entwicklung des Spiels "Lost" ausmachten: "Bei den ersten Vorgesprächen mit den Serienschreibern, dem Produzenten J.J. Abrams oder Damon Lindelof wurde schnell klar, dass wir bei den Mysterien rund um die Insel großen erzählerischen Spielraum haben würden. Ihnen war aber sehr wichtig, dass abseits bestimmter örtlicher Gegebenheiten der Spieler im Dschungel eine ganz eigene Erfahrung macht. Wie erginge es mir, wenn ich auf der Insel wäre? Zwischen Spieler oder Zuschauer sollte es keinen Unterschied geben!"

Im Spiel selbst, bei dem zur Beruhigung echter Serienfans auch die englische Sprachausgabe anwählbar ist, tauchen alle wichtigen Serienfiguren wie Tom, Hurley, Ben, Julie, Sun, Desmond und Claire als Charaktere auf; teilweise sogar mit ihrer Originalstimme. Josh Holoway, der in der Serie James "Sawyer" Ford darstellt, verlangte für die Mitarbeit allerdings 100.000 US-Dollar, und Gadi Pollack erwähnt im Interview ganz offen, dass es ihm diese Summe bei einer solchen Einstellung zum Spiel nicht wert gewesen sei.

Innerhalb der sieben Kapitel des Spiels funktionieren neben den Stimmen vor allen Dingen die glaubwürdige Dschungelumgebung, außerdem erleben Fans der Serie im Spiel zum ersten Mal einen Einblick in den magnetischen Raum der Swan-Hauptstation. Der eigentliche Hauptdarsteller des Spiels ist die völlig neue Figur des Reporters Elliott, der als einer der Überlebenden von Flug 815 seine Erinnerungen langsam wieder findet. Gerade die für die Serie wichtigen Flashbacks wurden so im Spiel als eine Art Erinnerungspuzzle inszeniert, das mit jeder Wiederholung neue Erkenntnisse einbringt. Alle offenen Serien-Fragen werden in diesem Spiel freilich nicht beantwortet. Aber es ist endlich ein Versuch wert, geliebten Fernsehwelten auf der Konsole nachzuspüren.