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Kulturkampf Black Metal

Lords Of Chaos

Michael Moynihan ist kein Idiot. Er, der in Blättern wie "Plexus. A National Socialist Theoretical Journal" schreibt, in der Band Blood Axis spielt und als Redakteur des Internetmagazins thepolitburo.com seinen Frauenhass und Antikommunismus kaum verbergen kann, hält sich manchmal auch sehr bedeckt.
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Michael Moynihan ist kein Idiot. Er, der in Blättern wie "Plexus. A National Socialist Theoretical Journal" schreibt, in der Band Blood Axis spielt und als Redakteur des Internetmagazins thepolitburo.com seinen Frauenhass und Antikommunismus kaum verbergen kann, hält sich manchmal auch sehr bedeckt. Zumindest in der Kurzbio zu seiner Person in seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch über Black Metal, "Lords Of Chaos", liest man nur recht schwammig: "auf Grund seiner Beschäftigung mit kulturellen, musikalischen und weltanschaulichen Extremen gilt er als umstrittene Persönlichkeit." Nun beschäftigen sich auch viele, sagen wir mal, Faschismus- oder Satanismusforscher mit "Extremen", gelten deswegen aber noch lange nicht als "umstritten".

Ebenso verwundert Folgendes: "Wir möchten darauf hinweisen, dass einige der Interviews, Zitate, Bildinhalte des Buches Aussagen enthalten, die menschenverachtend sind sowie ethisch und politisch jenseits unseres Wertesystems liegen. Wir distanzieren uns von diesen Aussagen, sie stellen weder die Meinung des Autors noch des Verlags dar. Dennoch haben wir uns entschlossen, alles unzensiert zu veröffentlichen, da wir einen unverfälschten Einblick bieten und nichts beschönigen wollen. Lords Of Chaos versteht sich lediglich als Dokumentation, im Sinne eines Sachbuches, nicht als Verherrlichung." Dass man von den Zitaten noch mal explizit Abstand nimmt, zeigt, dass man genau weiß, was man macht. Und Moynihan und sein Co-Autor Didrik Søderlind beschreiben den norwegischen Black Metal nicht nur, sie lassen dessen Protagonisten auch ausführlich zu Wort kommen. Protagonisten einer Szene, in der ein Großteil der norwegischen Kirchenbrände geplant wurde, die von Blut fasziniert ist: Øystein Aarseth, Mayhem-Gitarrist mit dem Pseudonym "Euronymus", fotografierte ausgiebig den Leichnam seines Mitbewohners und Mayhem-Sängers "Dead", bevor er die Polizei rief. Später brüstete er sich damit, Gehirnteile des Selbstmörders eingesammelt und verspeist zu haben.

Ähnlich unberührt gibt sich Bärd Eithun alias "Faust" von der Band Emperor, wenn er von dem von ihm begangenen Mord an einem wahrscheinlich homosexuellen, ihm völlig unbekannten Mann berichtet. Varg Vikernes wiederum, der bei seiner One-Man-Band Burzum als "Count Grishnackh" auftrat, findet seinen Mord an Aarseth/"Euronymus" offensichtlich voll knorke. Mayhem-Drummer "Hellhammer" zu dem Mord: "Nun, ich mochte Euronymus sehr, aber die Tatsache, dass er ein Kommunist war, störte mich. Er wollte der Extremste sein, und er dachte, wegen der Sachen in Russland sei Kommunismus sehr extrem, weißt du? Aber nach einer Weile fand er dann heraus, dass Kommunismus totale Scheiße war. Er erklärte dann, er sei Faschist, aber da weiß ich nicht so recht. Leider war er ein Kommunist." Vikernes weiß darüber hinaus über sein Opfer, dass es schwul und "ein halber Lappe" gewesen sei. Das Gericht, das ihn zu 21 Jahren verurteilte, hielt er für ebenfalls von Schwulen, Freimaurern und Juden durchsetzt. So konnte wahrlich kein richtiges Urteil gefällt werden.

Nun würde man gern eine Studie über diese Verwirrten, die - wie die parallel zum Buch erschienene gleichnamige CD beweist - mittelmäßigen Metal spielen und ihre musikalischen Defizite durch Schocktöne und -taten übertünchen wollen, lesen, über die Verquickung von Satanismus, Faschismus und Dummheit. Weit gefehlt: Moynihan und Co-Autor können kaum verhehlen, wie sehr sie von Morden, Satanismus und vor allem von "Führerpersönlichkeiten" wie Vikernes fasziniert sind. Zwar wird zwischen den weitschweifigen Interviewparts ab und an eingestreut, dass die Taten und Ansichten dieser Typen "abscheulich" seien, zugleich wird ihnen aber sekundiert, indem man etwa die höchst fragwürdige Archetypen-Theorie C. G. Jungs zu Rate zieht (der einst konstatierte, dass das arische Unterbewusste ein höheres Potenzial habe als das jüdische und dass Hitler ein "wahrhaft mystischer Medizinmann" sei) und mit Hilfe dieser die Frage aufwirft, ob nicht vielleicht der "nordische" Archetypus oder gar Wotan selbst aus diesen Typen spreche.

Das alles verwundert nicht, wenn man das Internet zu Rate zieht. In einem Interview sagte Moynihan vor Jahren: "Einerseits denke ich, dass die Zahl sechs Millionen nur zufällig und ungenau und wahrscheinlich eine grobe Übertreibung ist. Ich habe revisionistische Bücher gelesen, die gut gegen den Holocaust-'Kanon' argumentieren, und selbst die jüdischen Historiker verändern fortwährend ihre Ansprüche. Doch mein Hauptproblem bezüglich der Revisionisten ist, dass sie von der Annahme ausgehen, das Töten Millionen unschuldiger Menschen sei als solches 'böse'. Mehr und mehr neige ich zur entgegengesetzten Schlussfolgerung. Ich geriete nicht aus der Fassung, wenn ich herausfände, dass die Nazis jede ihnen zugeschriebene Grausamkeit begangen hätten." Hinter der Rock-Provo-Haltung kommt der Nazi zum Vorschein.

Das Problem ist nun weniger die Tatsache, dass Moynihan Nazi ist. Er ist einer, der das Wort Kulturkampf oft und gern benutzt, entsprechend tarnt er sein Buch als Sachbuch, um in diesem "unzensierten" Bericht von seinen Nordmännern zu schwärmen und ihre Theorien aufs Genüsslichste auszuführen. Er macht diese Bewegung, die klein war und bleibt, zu einer, die "aufsteigt", er redet stets von größerer Macht, die diese bekommen könnte. Und er versucht mit seinem Buch und zugehöriger CD, dazu beizutragen. Das Problem ist, dass das Buch, da es sich mit Musik beschäftigt (obschon Moynihan über die Musik der Bands nicht viel zu sagen weiß), auch in der Musikpresse weithin begeisterte Aufnahme findet - bei amazon.de hat es zur Zeit einen dreistelligen, also sehr hohen Verkaufsrang. Leute! Den neuen Walser habt ihr doch auch nicht gekauft! Das, was "Lords Of Chaos" zu leisten verspricht, muss definitiv ein anderes Buch einlösen. Ein gut geschriebenes zum Beispiel.

Michael Moynihan, Dirk Søderlind: "Lords Of Chaos" (Prophecy, Zeltingen-Rachtig 2002)