×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Männer und Frauen sind zu 99,9% gleich«

Liv Strömquist über »Der Ursprung der Welt«

Das Problem ist nicht, dass sich zu wenige Menschen Gedanken über die Geschlechtsorgane von Frauen machen, das Problem ist eher, dass zu viele Menschen sich zu viele falsche Gedanken über sie machen. Zu welchen Problemen diese Tatsache kulturhistorisch geführt hat, fasst die schwedische Illustratorin und Autorin Liv Strömquist in ihrem Comic »Der Ursprung der Welt« sehr lustig zusammen – wenngleich einem das Lachen sehr oft im Halse stecken bleibt. Julia Brummert hat mit ihr gesprochen.
Geschrieben am
Wenn ein Mann wie Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten werden kann, wenn ein polnischer Rechtspopulist im Europa-Parlament dafür plädieren darf, dass Frauen weniger Geld verdienen sollen, weil sie schwächer sind als Männer, wenn überall konservative Parteien nicht nur rassistischen Mist, sondern auch anti-feministischen Scheiß von sich geben, dann braucht es manchmal einfach etwas, das einen davon abhält, schreiend im Kreis zu laufen. Liv Strömquists Comic »Der Ursprung der Welt« (Avant Verlag) ist da genau das Richtige.

Strömquist schreibt und zeichnet darin zunächst die Kulturgeschichte der weiblichen Geschlechtsorgane auf. Sie erklärt, wieso es wichtig ist, den Unterschied zwischen Vulva und Vagina nicht unter den Tisch fallen zu lassen und sie zeigt, dass unsere Hemmungen, über Themen wie weibliche Sexualität und Menstruation zu sprechen, einen Hintergrund haben.
Beim Lesen bekommt man nebenbei auch eine Lektion über die Entwicklung von Machtstrukturen im Patriarchat. Was nach Geschichtsunterricht klingt, ist, und das ist wichtig, urkomisch. Strömquists Zeichnungen sind einfach und treffen trotzdem oder gerade deshalb immer ins Schwarze. Sie spielt mit Collagen, nutzt (Stock-)Fotos, antike Zeichnungen und schreit einen in den Panels gern mit Hilfe von Versalien an. Die Lektüre ist ein großer Spaß, auch wenn der Hintergrund ernst ist.
Liv, du zeichnest nicht nur Comics, sondern bist auch Illustratorin und Autorin. In Schweden kennt man dich recht gut, in Deutschland noch nicht so sehr. Wie bist du zum Zeichnen gekommen?
Ich habe immer schon Bilder gezeichnet, allerdings lag mein Hauptinteresse immer beim Schreiben. Mit Anfang 20 habe ich ein Schreib-Seminar besucht und mich an Popliteratur versucht. Mir kam es allerdings so vor, als käme ich nur sehr langsam voran, ich war sehr kritisch mit mir selbst und dachte, alles was ich da schrieb sei Mist. Mir fiel das alles sehr schwer. Mit 25 bin ich mit einer Freundin zusammengezogen, die ein Comic-Fanzine gemacht hat. Da dachte ich mir: »Wenn sie das kann, kann ich das auch!« und habe einfach angefangen. Vom ersten Moment an habe ich keine Unruhe und keinen Druck mehr verspürt. Ich wusste gar nichts über Comics, aber das Genre hat sich für mich als wirklich erleichternd herausgestellt. Ich habe einfach angefangen zu zeichnen und nicht mehr aufgehört, bis mein erstes Buch fertig war. Das fiel mir sehr leicht und bereitet mir sehr viel Freude. 

Wie kamst du zu der Idee, eine Kulturgeschichte der weiblichen Geschlechtsorgane in Comicform zu packen?
Zunächst einmal ging es mir darum, das Gefühl der Scham und die kulturellen Wurzeln dieses Gefühls zu erforschen. Als Schreiberin versucht man immer, sich an die Dinge zu erinnern und genauer zu untersuchen, die schmerzvoll waren und versucht, sie zu verstehen. Als ich 13 oder 14 war, habe ich sehr viel Scham in Bezug auf meinen Körper empfunden. Ich erinnere mich, dass ich im Klassenraum saß und schreckliche Menstruationsschmerzen hatte. Mir war es aber zu peinlich, darum zu bitten, aufstehen zu dürfen um eine Schmerztablette zu holen. Ich bin dann ohnmächtig geworden. Als ich älter wurde habe ich mich dann gefragt, wo dieses Gefühl herkam. Also habe ich begonnen, die Menstruation im historischen Kontext zu erforschen. Mir fiel auf, dass ich keinen blassen Schimmer über dieses Thema hatte.

Du hast unfassbar viel Recherche betrieben, wo fängt man da überhaupt an? Das dauert doch ewig?
Ich habe mich gefragt, wie Menstruation in verschiedenen Gesellschaften betrachtet wird. Mein Interesse an den biologischen Fakten war nicht sehr groß, aber wie Menstruation konstruiert wird, das hat mich sehr interessiert. Es gibt nur sehr wenig Informationen darüber, also war das mein erstes Thema. Dann fing ich an, mich sehr für die Vulva zu interessieren. Denn die Menstruation ist unter anderem deshalb mit so viel Scham behaftet, weil sie aus dem weiblichen Geschlechtsorgan kommt – um das es ebenfalls viele Tabus, Scham und negative Gefühle gibt. Also hab ich mir das auch genauer angeschaut. Die Zeichnungen zu machen und die Texte zu schreiben, hat dann etwa ein Jahr gedauert, ein weiteres Jahr habe ich mir vorab Gedanken gemacht und recherchiert – aber ich habe nebenbei auch noch an anderen Projekten gearbeitet.
Eines der Dinge, die mich beim Lesen am meisten überrascht oder eher schockiert hat, ist, dass in Biologie-Büchern immer noch Dinge über die weibliche Sexualität stehen, die eigentlich längst überholt sind. Warum glaubst du, ist das überhaupt noch möglich heutzutage?
Schwierig zu sagen. Ich habe das Gefühl, dass sich das schon so langsam ändert, aber während ich an »Der Ursprung der Welt« gearbeitet habe, habe ich Bücher gefunden, die bis heute in Umlauf sind, in denen steht, dass die Klitoris ein kleiner Punkt sei. Das ist wirklich verrückt, dass sie das nicht endlich ändern. 1998 gab es neue Forschungsergebnisse über die Anatomie der Klitoris und viele Bücher wurden bis heute nicht überarbeitet. Vielleicht sind die Verantwortlichen nicht daran interessiert? Oder ihnen ist nicht klar, wieso solche Fakten für die Kinder, die das lesen, wichtig sein könnten. Ich weiß es nicht. 

Meine Bio-Lehrerin hat uns damals lieber Filme über Affen gezeigt, als Sexualkundeunterricht zu machen. Das war natürlich nicht gerade zielführend. Wie glaubst du, sollte man das heutzutage am besten angehen?
Bei der Arbeit am Buch war ich daran interessiert zu diskutieren, wie die Gesellschaft mit solchen Themen umgeht. Ich denke, ein guter Weg wäre, erst mal damit aufzuhören, einen auf locker zu machen, so von wegen: »Lasst uns ganz offen darüber reden!«. Denn das ist natürlich erst mal peinlich. Menstruation und Sexualität sind mit Tabus behaftet, die sich in der Geschichte verändert haben. Man könnte genau das diskutieren und herausfinden, welche Tabus gut sind und welche nicht. Denn es gibt welche, die sind gut und sinnvoll. Außerdem ist die kulturelle Entwicklung wirklich spannend, mich hat sie sehr interessiert. In verschiedenen Epochen gab es unterschiedliche Ansichten über den weiblichen Orgamus, aber auch über die Menstruation und die Größe der Schamlippen. Es gibt da viele Lücken, aber das ist nichts Neues, schau dir die allgemeine Geschichtsforschung an. Wir erkennen kaum an, was Frauen in der Geschichte geleistet haben. Für mich persönlich war das aber genau spannend, es fühlte sich an, als würde ich meinen eigenen Hintergrund erforschen. Ich sah es als meine Aufgabe, die Lücken zu füllen. 

»Der Ursprung der Welt« kritisiert ganz klar das Patriarchiat und ist ein feministisches Buch. Was bedeutet Feminismus heute für dich?
Vielleicht ist es die Anerkennung, dass es eine zweigeteilte Struktur gibt, die sozial konstruiert ist und soziale Unterschiede, die man nicht einfach nur mit dem Verhalten von Männern und Frauen erklären kann. Ich weiß, das ist etwas umständlich formuliert, einfach gesagt, es ist die Wahrnehmung, dass diese Dinge existieren. Ich denke zwar, dass Männer auch von Erwartungen an ihre Rolle beeinflusst werden, aber Frauen haben schlicht weniger Vorteile dadurch als sie. 

In Italien wird gerade über ein Gesetz diskutiert, das Frauen erlaubt, bezahlte freie Tage zu nehmen, während sie ihre Menstruation haben. Glaubst du, das ist eine gute Idee?
Ich finde, Frauen und Männer ähneln sich zu 99,9%. Es gibt natürlich ein paar kleine Unterschiede, aber umso mehr du darauf zeigst, umso mehr Bedeutung bekommen sie. Wenn man sehr viel darüber redet, wie sehr die Menstruation Frauen beeinflusst zum Beispiel, schmeißt du alle Frauen in einen Topf, dabei weiß doch jede von uns, dass es von Frau zu Frau unterschiedlich ist. Einige haben Schmerzen, einige nicht, zum Beispiel. Das ist eine Sache, die man in der Medizin ausgiebig diskutieren sollte, aber nicht auf dem Arbeitsmarkt. Das führt am Ende nur wieder zu Benachteiligung von Frauen, weil man sich als Chef vielleicht überlegt, bei gleicher Qualifikation doch eher den Mann einzustellen, weil er diese freien Tage nicht in Anspruch nehmen kann.

Du hast dich ausgiebig mit patriarchalen Strukturen befasst. Wie geht’s dir im Moment, wenn du Nachrichten schaust? 
Ach, es muss einen Weg geben, dagegen anzugehen. Im Moment gibt es in ganz Europa diese Entwicklungen nach rechts und diese Parteien und Gruppen sind sehr gut organisiert. Bislang fehlt es noch an einer guten Strategie gegen sie. In Schweden ist die rechte Sverigedemokraterna die zweitstärkste Partei derzeit. Die rekrutieren viele neue Anhänger und drehen die Nachrichten um, so dass sie ihnen passen und geben Immigranten Schuld an Problemen. Da geht es viel mehr um Emotionen als um Fakten und das ist schon beängstigend. Die Menschen lesen lieber Texte, die leicht zu verstehen sind und die Emotionen hervorrufen, als etwas zu lesen, das etwas mehr Balance hat. Ich weiß nicht, was man tun kann. Aber ich hoffe, dass wir einen guten Weg finden.

Liv Strömquist

Der Ursprung der Welt

Release: 01.03.2017