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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Bücher des Monats

Literatur

Buch? Was war das noch mal? Genau, diese schweren staubigen Dinger von Omas Dachboden. Gibt's jetzt aber auch digital! Unsere neuesten Vorstellungen für den Herbst: Holger Risse und Co dokumentieren nächtelang die alte Kölner Kneipenszene, Das Wetter spricht in Form eines edlen Coffee-Table-Fanzines über Popkultur und Till Burgwächter öffnet das Tor zur Metal-Hölle.
Geschrieben am

Patrick Essex, Manuel Preuten & Holger Risse

»Bei Uschi`s Eck – Die Kneipe und ihre Bewohner«

Emons Verlag/ 14.95 EUR/ 128 Seiten

 

In Neukölln machen jetzt solche Läden dicht, die kürzlich das alte Prinzip Eckkneipe, ähm, neu erfunden und mit junger Klientel gefüllt haben. Natürlich sind solche Prozesse auch in Köln zu beobachten. Und wie in Neukölln fallen die Vorreiter der Entwicklungen ihnen im Zweifelsfall selbst zum Opfer. Wenn man genau zwischen die Häuserzeilen guckt, existieren allerdings noch die Orte der kölnischen Vorzeit, die von wirtschaftlichen Tatsachen anders durchdrungen sind. Soll heißen, dass es immer weniger von ihnen gibt, weil es immer öfter heißt: »Diesen Monat nix los. Diesen Monat wieder Stromabrechnung.«  Oder wegen des elenden Rauchverbots. Oder, oder. Man kann sie die Überbleibsel der wahren Kneipenkultur nennen, jene Kaschemmen und Spelunken, mit ihren Laternen an der Fassade, den Buntglasfenstern und dem Aroma Jahrzehnte dicker Nikotinfilme, die von den Originalen der Originale leben, den Stammgästen beziehungsweise Stammtrinkern.

So ein Original für Originale ist »Bei Uschi‘ s Eck«. Dieser Sorgenbrecher gibt dem schönen Buch seinen Namen, das Patrick Esser, Manuel Preuten und Holger Risse gemeinsam herausgeben, um das beschriebene Milieu zu dokumentieren. »Bei Uschi`s Eck – Die Kneipe und ihre Bewohner« lautet der komplette Titel ihre Hommage an die Alte Welt, die ohne Ironie oder Anbiederei auskommt, auf falsche Romantik verzichtet und Sentimentalität nur im besten Sinne aufkommen lässt. Der Untertitel deutet bereits an, dass die Herausgeber, alle drei kreative Selbständige (Holger Risse ist DJ, Art Director des Intro Magazins und des Melt!, Essex ist Fotograf und Betreiber einer Fotoedition, Preuten Journalist und Barkeeper), die Sache im gleichen Maße wichtig nehmen, wie sie den porträtierten Menschen selbst wichtig ist. Schließlich stellt die Kneipe sowohl für Wirte als auch für Zecher ein Zuhause dar, nicht unbedingt nur ein zweites. »Bewohner« passt also, auch wenn die Schattenseite dem Betrachter des Bildbands schon früh ins Auge fallen dürfte. So sehen wir auf Seite 5 das Foto eines Typen, der über sein Glas gebeugt am Kneipentisch kauert. An anderer Stelle erfahren wir, dass er Engelbert heißt, früher Briefträger war und oft nachts durch die Stadt rennt. Sieht so nicht einer aus, der entweder kein anderes Zuhause hat oder keins haben möchte?  Mit allzu deutlichen Wertungen und Analysen halten sich Essex, Preuten und Risse zurück, ohne die Realität hinter der Kneipenwelt auszublenden. Durch die Auswahl der Fotos, die mal neben hingerotzten Sprüchen und Lebensweisheiten, mal neben ausführlicheren Lebensgeschichten und Anekdoten stehen, erzählt das Trio in »Uschi`s Eck« Geschichten, die tiefer unter die Haut gehen, als viele zeitgenössische Romane. Die Herausgeber sind überzeugt, dass solche Pinten erhaltenswerte soziale Institutionen sind, und sie haben es sich nicht leicht gemacht, dieses Urteil zu fällen, sondern viele Nächte in über 80 Kölner Kneipen verbracht. Dabei bemerkten sie, dass in der Wirtschaft op d´r Eck zwar meistens die Vergangenheit beschworen wird, ihr Zustand aber noch weitaus mehr über die Gegenwart verrät.
Text: Wolfgang Frömberg
 

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Das Wetter

»Magazin Für Text und Musik«

www.wetteristimmer.de / 6,90 EUR / 98 Seiten

 

Ein Magazin, das aussieht wie ein Buch? Das haben wir Haptik-Idioten ja immer gern. Auf der einen Seite will man den Punk und die Vergänglichkeit loben, aber wenn dann wer aus der linken Szene eine Art Coffeetable-Fanzine rausbringt, will man’s gleich einschweißen und bewahren. Vor Geilness halt. Aber bloß nicht, denn Bücher sind zum Lesen, Zines zum Verschwenden da. Die Fragen, die die Macher des Wetters bewegen, befinden sich dabei genau zwischen diesen genannten Spannungspolen. Rotzen oder bewahren? Ästhetik oder Revolte? Oder – klar – könnte man nicht bitte alles gleichzeitig? Gefälligst? Schließlich sind die Boys agitiert, gebildet - und interviewen sich gleich auch mal gegenseitig. In Form der Band Trümmer.  Dabei ist das Format Interview ohnehin weapon of choice. Und so beschert einem Das Wetter ausführliche Gespräche mit den Zitronen und Alfred Hilsberg (ZickZack), die so vielleicht schon mal geführt wurden – aber eben nicht von diesen Jungs. Und es ist ihre Zeit, ihr Heft, ihr Geld (Fanzine macht arm).

Und so lassen ihr Elan und Willen die alten Styler strahlen, so lässt ihr Eifer Bekanntes neu klingen. Ein Verdienst, den Pop sich immer seltener auf die Fahnen schreiben kann. Zu Wort kommen überdies Dagobert, Chuckamuck und Casper (letzterer ziert sogar als Aquarell das schöne Cover – Einrahmen, jetzt aber!) Der selbstdefinierte Schreibstil gerät allerdings bei den prosaischen Formaten oft auch an seine Grenzen. Ohne Vortext, ohne Einführung wirkt dann so was wie der Text über Bernd Höhne völlig unzugänglich. Einige Prozente eitles Gewichse gehören halt eben auch dazu, wenn schlaue Schönis aus den Trümmern der Hamburger Schule neue Gegenstände basteln.

Text: Linus Volkmann

 

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Till Burgwächter

»Neues aus Trondheim«

Edition The Punchliner / 9,90 EUR / 118 Seiten

 

Wacken-Dokus guckt man ja mitunter nicht nur aus Liebe zum Landidyll oder aus gleißendem Interesse an den sich immer rascher wiederholenden Dinosaurier-Headlinern. Nein, man möchte auch bisschen staunen über die komische haarige Gegenwelt in schwarz. Mit Bäuchen und Äxten. Und mit welchem Recht leistet man sich diesen Freakshow-Zugang? Mit gar keinem! Die Metal-Szene selbst ist allerdings zu knuffig, um die ganzen Schönwetterfans und Schaulustigen ins Fegefeuer zu treiben. Doch… Einen Mann gibt es, der die ganze Sache noch mit dem nötigen Ernst (lies: Wahnsinn) betreibt. Es ist Till Burgwächter.

 

»Ich kenne meine Plattensammlung. Erscheinungsjahr, Entstehungsland, nach Vornamen der Bassisten oder Haustier des Produzenten geordnet? Alles in Sekundenschnelle machbar. Mit so etwas könnte ich mich jede freie Minute beschäftigen. Obwohl, tue ich ja schon...«

Doch Till hat es in seinen launigen Anekdoten natürlich nicht leicht. Immerhin muss er seinen Alltag mit viel zu viel Posern und Normalos teilen. Das erzeugt immer wieder Reibungshitze und Pointen – wobei Burgwächter sich selbst nie schont. Sein Blick auf den Nerd verliert nie den Humor und nie die begeisterte Besessenheit. So erinnert die Textsammlung an eine Art Motörhead-Version von „Stromberg“. Große Fragen, kleine Geister und Pommes Schranke – ein Einblick in die faszinierende, genialische, witzige und gestörte Seele des Heavy Metals. See you in hell.

Text: Linus Volkmann