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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Bücher des Monats

Literatur

Buch? Was war das noch mal? Genau, diese schweren staubigen Dinger von Omas Dachboden. Gibt's jetzt aber auch digital! Unsere Neuvorstellungen für den Herbst die schwulen Simpsons, die lustigen Gagcomic-Minimalisten Hauck&Bauer sowie ein Generationenroman über die richtigen Fragen im Falschen.
Geschrieben am

 

 

 

 

 

Erwin In het Panhuis

»Hinter den schwulen Lachern – Homosexualität bei den Simpsons«

 

Wie schwul sind die Simpsons? Wer die akribischen gesammelten Hinweise Erwin in het Panhuis‘ studiert, weiß mehr.

Die Simpsons liefern seit fast 25 Jahren einen kritischen, albernen, schlauen und vor allem witzigen Querschnitt durch das Amerika ihrer Zeit. Alles ist vertreten, kein Thema scheint den Machern fremd. Dass so auch Homosexualität eine Rolle in der Serie besitzt, ist verständlich. Doch folgt man dem Blick von Erwin In het Panhuis, der sich bewusst auf diesen Aspekt innerhalb der 24 Staffeln und eines Films konzentriert, staunt man nicht schlecht, wie schwul die Simpsons wirklich sind. Vollständigkeitsbesessen wird alles gesammelt und aufgetischt – und stimmt, es gibt da doch weit mehr als nur den Guido Westerwelle von Springfield, also Waylon Smithers! Denn auch Marges Schwester Selma hält nichts von heterosexuellen Beziehungen, zwischen Lenny und Carl funkt es immer wieder und eine Folge, die in der Zukunft angesiedelt ist, gibt es bereits den Ausblick darauf, dass Ned Flanders‘ Söhne Rod und Todd schwul werden. Dass Letzteres der prüden, erzreligiösen Erziehung des Vaters einen mitgeben soll, arbeitet der Autor mit viel Akribie auf. Die Akribie wird schnell zum Apropos und man freut sich im abbildungsreichen Werk stets auch am eigenen Wiedererkennen von Szenen. Mehr Kontext, mehr Meta hätten es dann aber auf den über 200 Seiten schon sein dürfen. Denn all der nerdige Collectors-Fetisch lädt doch geradezu zu Thesen ein, eröffnet die Möglichkeit, gesellschaftliche Veränderungen auch in der laufenden Serie nachzuweisen. Doch da verstellt sich der Fan Panhuis mit vielen Beispielen und Wiederholungen etwas die Sicht und argumentiert nur aus der Serie selbst hinaus. Diese verpasste Chance schmälert allerdings nicht die Schmöker-Option, die in diesem Kompendium aus jeder Seite schreit. (Linus Volkmann)

 

Archiv der Jugendkulturen; 204 Seiten; 28,00 EUR

 

 

 

 

 

Elias Hauck & Dominik Bauer
»Man tut, was man kann: Nix«

 

Witze müssen nicht platt sein. Die Comics von Hauck und Bauer haben den Mut zur Pointe, wie schon der tolle Titel beweist.

 

Über Comics schreiben… wie machen das eigentlich die Kollegen? Geht doch gar nicht. Trotzdem möchte ich unbedingt über diese schöne Sammlung ein paar Worte verlieren. Also als ich diesen zwei Typen (Hauck textet, Bauer zeichnet) vor etlichen Jahren auf der regelmäßigen «Hier lacht der Betrachter“-Seite der Satire-Zeitschrift Titanic gewahr wurde, dachte ich gleich: »Och, ist ja nicht so geil. « Die Männchen: Naja. Die Gags: Okay. Dann aber habe ich mich dran gewöhnt. Und dann, dann wurde ich Fan. Und jetzt schreibe ich diese tendenziöse Note hier. Denn der Comic liest sich einfach großartig. Hauck und Bauers Claim to fame ist sicher der trockene Humor, der sich nie hinter einer Distinktion versteckt oder damit einhergehend vor der Pointe drückt. Nein, die Dienstleistung Witz steht hier hoch im Kurs, allerdings sind die Beiden derartig schräge, »Mad-Heft-gestählte Käuzchen, dass es nie platte oder doof wird – viel eher manchmal sexy skurril. Beste Unterhaltung, bestes Buch. (Linus Volkmann)

 

Antje Kunstmann Verlag; 160 Seiten; 14,95 Euro

 

 

 

 

 

 

Raul Zelik
»Der Eindringling«

 

Die Spurensuche im politischen Leben seines Vaters führt Daniel in die 80er, nach Rumänien und zu sich selbst.

 

Der 1968 geborene Raul Zelik ist ein Autor, der sich auf keinen Stil und kein Genre festlegen lässt. Allerdings kann man ihn schon als politischen Autor bezeichnen. Hinter allem was er tut, steckt eine explizite linke Position, selbst hinter den wechselnden Formen verbirgt sich die Haltung desjenigen, der keine Marktkonformität anstrebt. Ob in Reportagen – etwa aus Kolumbien, wo er politische Theorie lehrte - und Artikeln für Zeitschriften wie Spex oder Freitag. Ob in Büchern wie »Nach dem Kapitalismus?: Perspektiven der Emanzipation«  oder zahlreichen Romanen wie zuletzt »Der Eindringling“. Der Titel von Zeliks Suhrkamp-Debüt aus dem Jahr 2012 ist einem Essay des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy entlehnt. Nach einer Herztransplantation machte Nancy sich Gedanken über das Eigene und das Fremde, das einverleibt beziehungsweise abgestoßen wird. Zelik überträgt das Motiv auf die Beziehung des Protagonisten Daniel zu seinem Vater Fil. Die beiden hatten über viele Jahre lang kaum etwas miteinander zu tun. Daniel ist bei seiner Mutter aufgewachsen, der Aktivist Fil, der nach dem Motto no risk no fun lebte, war in der Erziehungsarbeit nicht so präsent. Aber Fils Krankheit führt die beiden insofern zusammen, als dass der Sohn sich intensiv für das Leben des biologischen Vaters zu interessieren beginnt. Die Nachforschungen bei Papas Genossen Beule und seiner Ex-Freundin Manuela in Berlin und Rumänien bringen ihm aus einer privaten Perspektive die Geschichte des militanten Widerstands der BRD in den 1980er Jahren näher. Was war die Idee dahinter, die die gefühlte Verantwortungslosigkeit Fils wettmachen oder zumindest erklären könnte? Das Motiv des Eindringens zieht Raul Zelik durch: Daniel wird regelrecht zum Schnüffler, als er in Elas persönlichen Sachen herumstöbert und gleichzeitig seine Identität verleugnet. Andererseits wird ihm allmählich klar, wie sehr der Vater allein durch seine Abwesenheit sein eigenes Leben durchdrungen hat. Zelik erzählt die Dialektik der Gefangenschaft im ewigen Befreiungskampf von den Fesseln der Umstände anhand fein herausgearbeiteter Details und in einen Rhythmus, der das Wiederkäuen der Problematiken nicht scheut, bis sich Brüche bemerkbar machen. In diesen Brüchen keimt die Hoffnung, dass man sich der paradoxen Gesellschaft, die einen sowohl einverleibt als auch abstößt, zumindest nicht dauerhaft im Alleingang aussetzen muss – und man sich ihr gemeinsam widersetzen kann. (Wolfgang Frömberg)

 

Suhrkamp, 288 S., 14 Euro