×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Cory Doctorow.William Gibson

Lesungen auf der Litcologne

Litcologne: Am 29.02. liest Cory Doctorow im Theaterhaus und am 06.03. William Gibson im Gloria
Geschrieben am
William Gibson, Altmeister der Science-Fiction, liest in Köln aus seinem 'Quellcode'. Genre-Shooting-Star Cory Doctorow kommt mit 'Upload' zur Litcologne und spricht auch über die Zukunft der Verwertungsrechte. Wolfgang Frömberg stellt beide Marken vor.


Die Science-Fiction-New-Wave der 60er-Jahre - von den Konventionen der führenden SF-Magazine und dem Geruch der Schundheftchen emanzipiert - entwickelte dank meisterhafter Romanciers wie J.G. Ballard ('Crash') und Ray Bradbury ('Fahrenheit 451') eine fantastische realitätsbezogene Energie, die man in manchem Werk der so genannten General Fiction schmerzlich vermisst. Junge Autoren nutzten die steilen Vorlagen in den 80er-Jahren als Antrieb für die eigene literarische Verdichtung einer von technischen Innovationen mehr als sachte umformulierten Gegenwart. Massenweise Kids saßen schon vor ihrem C64, während die älteren Geschwister gegen Atomkraft demonstrierten. Der Kalte Krieg bestimmte die Nachrichten.

William Gibson wurde damals mit seinem Debüt 'Neuromancer' weltberühmt. Seitdem gilt er als Erfinder des Cyberspace und Cyberpunk, was heute noch darauf schließen lässt, dass er mit unkonventionellen - vor allem neuen - Mitteln irre Utopien aufs Papier brachte. Tatsächlich verhält sich seine Erzählweise in Ton und Tempo beispielsweise zu den absurden Storys von Philip K. Dick, der neben ca. 40 anderen Romanen bereits 1968 die Vorlage zu Ridley Scotts "Blade Runner" verfasste, in etwa so wie der Sound der Sex Pistols zu dem der Kinks.

Gibson wurde wie die Kollegen Bruce Sterling oder John Shirley bald als psychologisch oberflächlicher Ideenliterat kategorisiert, der allerdings die Zukunft zu antizipieren vermag wie die Prekogs, die wir aus Dicks "Minority Report" kennen. Und als seine Post-New-Wave-Generation vom Fortschritt eingeholt wurde, besann sich ihr Gottvater - welch brillanter Einfall! - eben scheinbar selbst auf den Geist der Gegenwartsliteratur. So wurde sein Roman "Mustererkennung" aus dem Jahr 2002 - es geht um rätselhafte Clips im Internet und eine Protagonistin, die als Werbelogo-sensibler Coolhunter arbeitet - gerne auch als Abgesang auf das SF-Genre rezipiert.Ganzheitlich zukunftsweisender schien am jenem Punkt bereits die Methodik des Newcomers Cory Doctorow. Der legte mit 'Down And Out In The Magic Kingdom' nicht bloß angeblich den "besten Debüt-Roman seit William Gibsons ›Neuromancer‹" (Austin Chronicle) vor, sondern verstand sich von Beginn an als Internet-Aktivist, stellte seine Bücher zum kostenlosen Download ins Netz - und betrieb damit sowohl Aufklärung über paranoische Copyrightpolitik als auch clevere Werbung in eigener Sache.

Genau in diesem Spannungsfeld müssen Doctorows Bloggereien, Theorien und Romane auch gelesen werden. Nach der deutschen Übersetzung des Debüts mit dem Titel 'Backup' steht jetzt 'Upload' in verschiedenen Formen auf dem Markt. Nur ganz böse Zungen würden behaupten, er habe seine Storys geschrieben, um zu beweisen, dass man sie irgendwann mal auf einem iPhone wird lesen können. Denen ließe sich entgegnen, dass es ja auch völlig egal ist, in welchem Kaff der gute Homer sich einen Ast dichtete.

Als 'Quellcode' liegt gleichzeitig William Gibsons jüngster Roman pünktlich bei Erscheinen des Autors auf der Kölner Litcologne in deutscher Überbesetzung zum Studieren vor. Sein 'Web 2.0-Roman' dürfte sich prinzipiell ähnlich zur gegenwärtigen Welt voller Vernetzung und ohne Kalten Krieg, voller politischer Flausen und ohne konkrete Alternative verhalten wie die Bücher Doctorows und vieler anderer Schriftsteller dieser Tage: Es gibt einstweilen kein Entkommen aus dem Jetzt, also schreiben wir uns fleißig ein.

Intro empfiehlt:

Lesung mit Cory Doctorow
Wann: 29.02.08, 19:30
Wo: Köln, Theaterhaus

Lesung mit William Gibson
Wann: 06.03.08, 20:00
Wo: Köln, Gloria

Außerdem sind vom 29.02.-09.03. von Dietmar Dath bis Peter Hein jede Menge Schriftsteller rund um den Dom versammelt.
Karten bekommt man unter www.litcologne.de.


Cory Doctorow
Backup
Heyne, 286 S., EUR 7,95
&
Upload
Heyne, 350 S., EUR 7,95

William Gibson

Quellcode
Klett-Cotta, 450 S., EUR 22,50