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USA 2005

Last Days

Man muss kein Fan von Kurt Cobain sein, um von diesem Film in Bann gezogen zu werden. In sehr loser, assoziativer Form hat Regisseur Gus van Sant die letzten Tage im Leben jenes Rockstars festgehalten, der sich nur unschwer als Kurt Cobain zu erkennen gibt. Doch eigentlich geht es um wesentlich elem
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Man muss kein Fan von Kurt Cobain sein, um von diesem Film in Bann gezogen zu werden. In sehr loser, assoziativer Form hat Regisseur Gus van Sant die letzten Tage im Leben jenes Rockstars festgehalten, der sich nur unschwer als Kurt Cobain zu erkennen gibt. Doch eigentlich geht es um wesentlich elementarere Dinge. Michael Pitt (“Die Träumer”, “Bully”) glänzt in der Hauptrolle: Verschüchtert, ständig unverständlich vor sich hin brabbelnd schlurft er durch die Wälder und die Zimmer des Hauses auf dem Land, in das sich der Rockstar vor den Kameras und seinen Agenten geflüchtet hat. Die Haare hängen ihm ins Gesicht, nur noch selten erwachen die Lebensgeister in ihm, zum Beispiel, wenn er im Proberaum eine Gitarren- und Schlagzeug-Orgie vom Stapel lässt, die von Gus van Sant hervorragend festgehalten wurde: Statisch zeigt die Kamera das Gebäude von außen, wir können nur erahnen, was sich in dem Raum abspielt. Das Spiel mit der Distanz ist durchaus kalkuliert: Durchweg entzieht van Sant seinen Protagonisten dem Betrachter und macht so deutlich, dass es keine einfache Erklärung für dessen Selbstmord gibt.

Gus van Sant hatte schon immer ein Faible für junge, gut aussehende Slacker-Typen, die er seit “Elephant” (2003) an eine radikal verlangsamte Ästhetik koppelt. Für jüngere Van-Sant-Filme muss der Kinobesucher sehr viel Geduld aufbringen, wird dafür aber mit einer wunderschönen Bildästhetik belohnt, die oft in einem direkten Kontrast zur Handlung steht: Das Massaker an einer Highschool in “Elephant”, zwei Freunde, die sich in einer Wüste verirren und kurz vom Verdursten sind (“Gerry”, 2002) – oder eben der beinah autistische Rockstar, der die letzten Stunden vor seinem geplanten Tod durchlebt. Schon “Elephant” basierte auf einem konkreten Ereignis, dem Columbine-Massaker, doch van Sant hat diesen Stoff abstrahiert, daraus einen archaischen, fast an Samuel Beckett orientierten Plot gemacht. Zu van Sants Vorbildern zählen die ebenfalls extrem verlangsamt und stilisiert arbeitenden europäischen Regisseure Michelangelo Antonioni und Bela Tarr. Damit ist auch schon der einzige Nachteil der DVD benannt: Van Sants Filme muss man im Kino oder doch zumindest auf großer Leinwand sehen – hier ist das Bild fast alles, Handlungen und Dialoge dagegen sind auf ein Minimum reduziert worden. Über Grunge, Nirvana und die frühen Neunziger sagt “Last Days” daher auch wenig bis gar nichts aus. Zum Glück, möchte man sagen. Dieser Film ist ein Artefakt. Und zwar ein brillantes.