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USA 2005

Last Days

Als offizielles Biopic will sich “Last Days” nicht deklarieren. Er leugnet aber auch nicht die Nähe zu seinem Gegenstand. “Last Days” ist inspiriert vom Schicksal Kurt Cobains, aber ein fiktionales Werk, stellt Gus Van Sant klar, und erobert sich so den nötigen ästhetischen Freiraum. Der Regisseur n
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Als offizielles Biopic will sich “Last Days” nicht deklarieren. Er leugnet aber auch nicht die Nähe zu seinem Gegenstand. “Last Days” ist inspiriert vom Schicksal Kurt Cobains, aber ein fiktionales Werk, stellt Gus Van Sant klar, und erobert sich so den nötigen ästhetischen Freiraum. Der Regisseur nutzt ihn allerdings nicht zu wilden Spekulationen, sondern hält sich an den äußeren Ablauf der Ereignisse. Er filmt die letzten 48 Stunden im Leben des Musikers Blake, von seiner Flucht aus der Entzugsklinik bis zu seinem Tod.

Nach der Rückkehr irrt Blake wie sein eigener Geist im Haus umher. Er grummelt Unverständliches vor sich hin, hantiert mit einer Schrotflinte herum, streift sich ein Frauenkleid über, schaut blöde Videos auf MTV, musiziert jenseits von gut und böse auf Gitarre und Schlagzeug, bereitet sich mühsam auf recht abenteuerliche Art seine Mahlzeiten zu und erwehrt sich ansonsten der Zudringlichkeiten von Seiten seiner Plattenfirma. Nicht einmal die deutlichen Worte von Kim Gordon als Mutter der Indie-Nation, die sein Leben ein Rock’n’Roll-Klischee nennt, erreichen Blake. Ein größerer Abstand zum “Heroin Chic” ist kaum denkbar, weshalb sich ein Kurt-Cobain-Fan im Internet auch prompt beschwerte, der Film zeige nichts “von der Energie des Lebens – und Sterbens” seines Helden.


Gus Van Sant gönnt den Mythologen noch nicht einmal den Todesschuss. Eine solche Szene würde ihm einfach zu schwer wiegen. Der Regisseur nimmt es lieber leicht und lässt Blake post mortem auf tröstliche Weise sanft entschweben. Er braucht einen solchen Schlusspunkt nicht als Abgrund, auf den er seinen Protagonisten zutreiben kann. Der Musiker bewegt sich den Film über auch nicht auf einer schiefen Ebene. Er hält sich ständig auf dem gleichen Level von Stumpfheit und Ruhelosigkeit – und ist auf einmal nicht mehr da. Um den Eindruck von Zwangsläufigkeit zu vermeiden, treibt der Regisseur zudem wie schon in “Elephant” ein Spiel mit der Zeit, filmt ein- und dasselbe Geschehen aus mehreren Perspektiven und versucht sich mit unterschiedlichen Varianten von Szenen sogar an so etwas wie einem filmischen Konjunktiv. Und wenn auf der Tonspur die Glocken läuten, sucht man die Kirche im Bild vergebens.

Eine fremde, seltsame und tragische Welt baut der Filmemacher da zusammen, was angesichts seines mittlerweile dritten Filmes in Folge über auf unnatürliche Weise ums Leben gekommene junge Erwachsene nicht weiter verwundert. “Durch unglückliche Umstände gestorben” – was der Blake nachstellende Privatdetektiv über den Tod des Varieté-Künstlers Billy Robinson aus den Polizeiakten zitiert – möchte Gus Van Sant auch auf seine Hauptfigur bezogen wissen. Er bemüht sich gar nicht erst, Licht ins Dunkel zu bringen, und verwischt vielmehr noch mögliche Sinnspuren. Mit schwieriger Kindheit, Depressionen, Beziehungsproblemen oder Drogensucht als Erklärungen mag der Regisseur nicht kommen. Das Rätselhafte ist eben künstlerisch wertvoller und cooler, was allerdings in “Last Days” auch für eine etwas frostige Betriebstemperatur sorgt.