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Hotel Skynet

Lars Popps Roman »Haus der Halluzinationen«

Lars Popp schreibt einen dichten Gedankenexperiment-Trip, in dem auch halluzinogene Schnecken eine Rolle spielen. Der Roman vereint als Teil von Popps »Wetterwolken«-Trilogie Tech-Nerds mit Schweizer Fabelwesen und Wirtschaftsspionage.
Geschrieben am
1996 findet sich eine Gruppe von braven Urlaubern, Technikern und Geheimdienst-Agenten in einem Hotel im Schweizer Lötschental ein. Soziale Spannungen entfalten sich, während zunehmend mysteriöse Dinge geschehen. Diese Szenerie verwandelt Lars Popp in eine fließende, mit HTML-Codes versetzte Narration, dazu noch in der zweiten Person Singular verfasst. Die Charaktere sind Kuriositäten und Durchschnittstypen. Deren Tagesabläufe und menschliche wie unmenschliche Begegnungen ergeben eine Geschichte, die sich schließlich auf Programmierer Maik konzentriert, der nichtsahnend eine neue digitale Revolution verursachen könnte. Spätestens der Auftritt von halluzinogenen Schnecken lässt eine unbemerkte Entität vermuten. So geschlossen, wie die Gäste meinen, ist das System Hotel nicht, und auch der umliegende Wald hat ein zweites Gesicht. Die Schlauste im Bunde ist die siebenjährige Tochter des Hotelbesitzers. Sie versteht meistens als erste, was vor sich geht.     

Die subtile Arroganz einer Welterklärungs-Philosophie ist selten von der Hand zu weisen. In »Haus der Halluzinationen« werden geisteswissenschaftliche Ergüsse der Menschheit zusammengeschnitten und durch das Charakterzusammenspiel untergraben. Zurück bleiben beim Leser eher Zweifel als die Sicherheit, der Mensch könne Medien und Natur beherrschen. 

Was steckt dahinter? Autor Lars Popp entwirft einen Spielplan für die nächste Stufe der Digitalisierung, der so gruselig wie faszinierend ist. Dabei schafft er es, die Ergebnisse seiner Gedankenspiele nicht zu werten, was bei Themen wie Globalisierung, digitaler (R)evolution und menschlichem Größenwahn gar nicht einfach ist. Seine literarische Tour durch Terminator-Popkultur über politische Grundfragen bis hin zu Anleihen von Stanisław Lems »Der Futurologische Kongress« ist ein konsequentes Experiment mit der ewig faszinierenden »künstlichen Intelligenz«, die in den nächsten Jahrzehnten wohl kaum an Wichtigkeit verlieren wird. Natur und Technologie verschmelzen in Popps Roman, und es ist gerade der Übergang zwischen vermeintlichen Gegensätzen, der »Haus der Halluzination« so spannend macht. 

Die Behauptung, Science Fiction oder Fantasy seien nicht lebensnah, nicht aktuell, gar unpolitisch, haben sich seit »Game of Thrones« vielleicht ein paar mehr Leute abgeschminkt – die Einstellung dominiert trotzdem Feuilletons und Hörsäle. »Haus der Halluzinationen« ist ein weiterer Beweis für das Gegenteil, obwohl auf Lars Popps Roman kaum ein Genrestempel passt. Ein sicher nicht beabsichtigter Nebeneffekt der Lektüre ist das Bedürfnis, zum erzählerisch akkurat in Szene gesetzten Schweizer Lötschental zu fahren und sich die seltsamen Bräuche dort mal anzuschauen. Die gibt es schließlich tatsächlich.

Lars Popp

Haus der Halluzinationen oder Unwelts Heimkehr

Release: 31.03.2014