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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Bot. Gespräch ohne Autor«

Künstliche Eloquenz

Der Schriftsteller Clemens J. Setz (»Die Stunde zwischen Frau und Gitarre«) scheitert in einer Interviewsituation. Um gescheitere Antworten zu liefern, setzt er auf einen Trick. Statt selbst zu reden, lässt er einen Bot aus seinen ausführlichen Aufzeichnungen zitieren. Dieses Gespräch unter zwei Augen liegt nun als Buch vor. Henrike Schröder fragt sich, ob es nicht prinzipiell besser wäre, Interviews auf diese Weise zu führen.

Geschrieben am

Eine nicht zu unterschätzende Gefahrenquelle für Journalisten stellt das Interview dar. Weil es unvorhersehbar ist, egal, wie gut man sich vorbereitet hat, von unendlich vielen Eventualitäten abhängig, die nicht planbar sind. Was ist, wenn der Interviewte einen schlechten Tag hat – morgens früh, neun Uhr, und er hatte noch keinen Kaffee? Dann kommen die falschen Fragen, und es folgen unter Gähnen dahingeraunte Antworten: »Hmmm ... ja. Ich weiß auch nicht. Vielleicht.« Das Interview ist zum Scheitern verurteilt.

Message In A Bot

Das Buch »Bot. Gespräch ohne Autor« beginnt mit genau diesem Scheitern – nur nicht auf der Seite des Journalisten, sondern auf der des Interviewten. Das Scheitern daran, die richtigen Antworten zu geben und das zu tun, was erwartet wird: witzig, intelligent und scharfsinnig zu sein – so, wie man Clemens J. Setz als brillanten Geschichtenerzähler kennt. Doch als die Lektorin Angelika Klammer den österreichischen Romanautor für eine Art Gesprächsband interviewt, kann sie mit seinen Antworten wenig anfangen. »Stellen Sie sich vor, jemand redet einfach irgendwas, seitenlang. Genau so. Man muss das eben auch können, das mündliche Erzählen«, schreibt Setz im Vorwort von »Bot. Gespräch ohne Autor«. Er kann es nicht. Und so ändert Klammer kurzerhand das Projekt. Statt den verstockt dahinplaudernden Schriftsteller zu befragen, bedient sie sich aus dessen »Journalen«, einer endlos langen Worddatei, in der er »Gelerntes und Beobachtetes, Fundstücke und rants, Reiseaufzeichnungen und Nachrufe auf Tiere« zusammenträgt. Es handelt sich praktisch um die ausgelagerte Seele von Setz, konserviert in einer Maschine. Das Word-Dokument wird zum lebendigen Gesprächspartner: Ohne menschliche Finderintelligenz werden die Antworten durch eine simple Volltextsuche bestimmter Schlüsselwörter, andere durch zufälliges Scrollen auf eine beliebige Seite gefunden. Clemens Setz ist als Antwortgeber ersetzt – durch eine Art Clemens-J-Setz-Bot.

Zwischen der Lektorin und dem Bot entwickelt sich so ein interessanteres Gespräch als mit Clemens J. Setz selbst. Auf ihre Frage »Sammeln Sie Untergangsszenarien?« lautet die Antwort des Bots: »Robotic Technology Incorporated, eine Firma in Maryland, deren Auftraggeber das Pentagon ist, hat einen Roboter gebaut, der seine Energie aus organischer Materie in seiner Umwelt beziehen kann. [...] Der Roboter soll vor allem in Kriegsgebieten eingesetzt werden, wo er sich von den dort haufenweise herumliegenden Leichen ernährt. Ich denke, nach der Auslöschung der Menschheit könnten ›EATRs‹ die Gärtner der neuen Erde sein.« Er beantwortet die Frage nicht direkt, liegt leicht daneben und beantwortet sie trotzdem – vielleicht besser, als Setz es selbst hätte tun können. Die Antwort reißt eine Geschichte an, ein Szenario vom Untergang der Menschheit, die dann für den Leser offengelassen wird. Als »Leerstelle« – einem vom deutschen Literaturwissenschaftler Wolfgang Iser geprägten Begriff – wird das einige Seiten weiter beschrieben: »Fiktion besitzt demnach immer Leerstellen, die der Rezipient selbst im Kopf ausmalen oder ergänzen muss.« »Bot. Gespräch ohne Autor« besteht aus vielen dieser Leerstellen.

Bot und die Welt

Und so hangelt man sich als Leser durch das Chaos der wirren Anekdoten, Beobachtungen, Gedanken und Leerstellen. Dabei vergisst man die Frage manchmal bereits, während man die Antwort liest. Oder man kehrt zurück, um einen Zusammenhang herzustellen, das Schlüsselwort zu entschlüsseln. Manchmal wird man fast wütend, weil die Frage so interessant ist, dass man sich eine direkte Antwort wünscht. Meistens rückt der Zusammenhang zwischen Frage und Antwort jedoch in den Hintergrund, weil die Geschichten, die der Bot anreißt, zu faszinierend sind. So erfährt man von ihm, dass Stiefmütterchen aussehen wie Günter Grass, das Wort »Allein« eigentlich die Verniedlichungsform von »All« ist, Bagger die besseren Dinosaurier sind und die Goldene Qualle von Sonnenenergie lebt: »Wie macht sie das? Sie hat sich eine Alge angezogen, wie ein Kleidchen, und lebt mit ihr in Symbiose. Die Alge macht Fotosynthese. Die Qualle schwimmt an die Oberfläche und sonnt sich dort, was die Alge dazu bringt, Glukose herzustellen, die wiederum die Qualle ernährt.«

Ist das also die Lösung, um die Gefahren eines Interviews zu meiden? Der Bot kann keine Fragen doof finden oder einen schlechten Tag haben. Er funktioniert auch ohne Kaffee. Nervosität unnötig, denn er hat immer eine Antwort parat. Gleichzeitig ist die Interviewsituation zutiefst frustrierend und hebt alles auf, was sie unter normalen Umständen ausmacht: nämlich eben kein plumpes Frage-Antwort-Szenario, sondern ein Gespräch – unkalkulierbar menschlich und spannend eben wegen dieser vielen kleinen Unabwägbarkeiten. Die vor Aufregung schwitzigen Hände, in Erwartung, endlich die Fragen zu stellen, die teilweise schon seit Jahren im Kopf festsitzen. Dann die Suche nach Leerstellen, die man ausfüllen und an die man weiter anknüpfen kann. In Gedanken setzt sich während des Gesprächs schon das Interview als Artikel zusammen – kleine Geschichten, die ineinandergreifen.

Schade, dass Clemens J. Setz nicht für ein Interview mit Intro zur Verfügung stand.

— Clemens J. Setz »Bot. Gespräch ohne Autor« (Suhrkamp, 166 S., € 20)

Clemens J. Setz

Bot: Gespräch ohne Autor

Release: 12.02.2018